Das Zünglein an der Reichswage
ngen Richters „Freisinnige Zeitung" hat selten! einen zutreffender» Ausspruch getan als in der Sonntagsnummer vom 13. September, wo es am Schlüsse eines Artikels „Auf abschüssigem Wege" wörtlich heißt: „Das Wachstum der Sozialdemokratie hat in der Hauptsache keineswegs politische Ursachen, sondern erklärt sich aus dem Wachstum einer Begehrlichkeit in den Arbeiterklassen gegenüber dem Reiche und dem Staate, die durch die neuere Gesetzgebung geradezu großgezogen und fortgesetzt noch gesteigert wird. Hier treiben wir innern Krisen zu, die jeden Vaterlandsfreund mit ernster Sorge erfüllen müssen."
Lieber uoch als in der „Freisinnigen Zeitung" hätten wir ein solches Wort in einer Thronrede gelesen. Freilich handelt es sich nicht nur um wachsende Begehrlichkeit gegenüber Reich und Staat, sondern auch um wachsende Begehrlichkeit gegenüber den erwerbenden und besitzenden Ständen. Der Klassenkampf ist in Dresden von neuern einmütig proklamiert worden. Für die einen, die republikanische, antimonarchische Ziele anstreben, mag er Mittel zum Zweck, für die andern einstweilen Selbstzweck sein, aber im einen wie im andern Falle sind Klasscnkampf und wachsende Begehrlichkeit identische Begriffe. Wir stehn in einer Zeit bedenklicher Überschätzung der rohen Kraft: die Siegerin im Klassenkampfe wird — daran ist kein Zweifel — auch Siegerin und Herrscherin im Reiche nnd im Staate sein. Auf wie lange, ist eine andre Frage, aber die Monarchie würde sich davon nicht wieder erholen. Täusche man sich nicht mit dem trügerischen Schlagwvrt vom „sozialen Königtum." Auch das soziale Königtum würde dem Anstnrm erliegen, ja es würde sein erstes Opfer sein. Das Königtum kann sich an die Spitze großer nationaler Ideen, einer von den Besten des Volks getragnen vaterländischen Bewegung stellen, etwa in dem Sinne, wie Viktor Emaiiuel der Revolution lieber voranschreiten als ihr folgen wollte, oder wie Bismarck im Herbst 1366 nach Petersburg telegraphierte: „Wenn Revolution sein soll, wollen wir sie lieber machen als erleiden" und bei weiterer russischer Einmischung die Prvklamierung der Neichsverfassung von 1849 in Aussicht stellte. So konnte der Staat sprechen und handeln, der Österreich besiegt, die Marksteine der deutschen Einheit aufgerichtet, die französische Begehrlichkeit in ihre Schranken verwiesen hatte uud auch der russischen Arroganz gegenüber den Fuß beim Mal zu halten ebenso entschlossen wie befähigt war. Das Königtum konnte nnd mußte im Herbst 1866 wie in der
Grenzboteu IV 1903 lg