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Der Marquis von Marigny
Kinder zu. Sie mag es auch recht gut mit uus gemeint haben. Die Mutter aber ersetzte sie uns in keiner Weise. Sie war schon damals eine wunderliche, religiös überspannte alte Jungfer. Sie gefiel sich in allerhand Seltsamkeiten und Pedanterien, die natürlich auch uns Kindern nicht entgingen. Sie hatte farbige Karten mit biblischen und andern Sinnsprüchen angeschafft. Jeden Sonnabend Abend bekamen wir von ihr je nach unserm Betragen eine rote, grüne oder weiße Karte, die wir dem Vater vorzeigen mußten. Diese Einrichtung der farbigen Karten, die den Kindern am Wochenschluß gleichsam als Quittung über ihr sittliches Verhalten gegeben wurden, war damals auch in den Volksschulen eingeführt. Es sollte auf den Ehrgeiz der Kinder wirken. Diese mußten die Karte zu Hause den Eltern vorlegen und sie am Montag in der Schule zurückgeben. Bewährt hat sich diese Eiurichtung uicht. Die weißen Karten — sie waren die niedrigste Sorte — wurden wenig oder gnr nicht beachtet. Die grünen nnd die roten aber wirkten mehr ans die falsche Eitelkeit der Kinder, als daß sie ein gesunder Antrieb zu Fleiß und Wohlverhalten gewesen wären. Bei den ärmern Kindern bestand überdies ein Mißtrauen, als ob bei der Verteilung der Karten die Kinder der angesehenern und besser gestellten Eltern begünstigt werden mochten. Die ganze Einrichtung wurde auch in der Schnle bald wieder abgeschafft. Ich entsinne mich nnr, daß ich noch in der untersten Schulklasse solche Karten bekommen habe. Sie waren ein falsches und unpraktisches pädagogisches Experiment. Am allervert'ehrtesten aber war die Übertragung dieses Experiments auf das hänsliche Leben. Unsre Cousine Hcmnchen Ahlemann hat jedenfalls bei uns damit leine besondern Geschäfte gemacht. Ihre ganze wunderliche Persönlichkeit hatte für uns einen leichten Stich ins Komische und hinderte den für eine gesunde Erziehung nnentbehrlichen Respekt. Die Ärmste hat später im Jrrenhcinse geendigt. Uns Kindern aber fehlte die Mutter.
(Fortsetzung folgt)
Der Marquis von Marigny
Gine Gnngranteugeschichte von Julius R. Haarbaus (Fortsetzung) 9
ie in Koblenz zurückgebliebnen Emigranten — Franen, Greise und Priester — wareu mit den Nachrichten, die sie von der Armee erhielten, keineswegs zufrieden. Ihrer Überzeugung nach war die Marschroute gcmz unzweckmäßig gewählt worden; das Vorrücken der Streitmacht ging viel zu langsam von statten, und die strategischen Operationen ließen deutlich erkennen, daß der Herzog von Brann- schweig den Respekt, den man seinem Feldherrngenie gezollt hatte, durchaus nicht verdiente. Hätten die Verbündeten nicht besser daran getan, den Oberbefehl einem der französischen Offiziere anzuvertrauen? Und wenn man den Marschall von Broglio wirklich für zn alt hielt, waren nicht noch Generale wie Mircm, la Rosiere, Jcmson und Martagne da, deren jeder im kleinen Finger mehr Begabnng hatte als dieser deutsche Herzog, der doch nichts weiter war, als der herzlich unbedeutende Neffe eines berühmten Oheims?
Und als dann endlich Siegesbotschaften anlangten, als Lvngwy genommen worden war, nnd Berdnn kapituliert hatte, da zeigten sich die alten Aristokraten wiederum unzufricdeu. Sie gönnten im Grunde ihres Herzens den Preußen die