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Die mittelalterliche Religionsanschauung und ihre Beziehungen zur Gegenwart
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I 42 Die mittelalterliche Religionsanschauung nnd ihre Beziehungen zur Gegenwart

Wirkung stehn zur Sittlichkeit, zum Rechts- und Staatslebeu, zur Wissenschaft, zur Kunst und zum Lebeu überhaupt. Im folgenden svllen nur die allgemeinen Grundgedanken, die sich im großen und ganzen in all den berührten Verhält­nissen und Wechselwirkungen durchgeführt zeigen, herausgehoben werden.

Vor allem ist es Tatsache, daß das Mittelalter ernstlich bemüht war, das Gottesverhältnis in den Mittelpunkt des menschlichen Lebens zu setzen als ein dieses beherrschendes Interesse. Das Mittelalter wußte nichts von der modernen Sitte, die Religion sozusagen hinter den Ofen zu stellen, ihr keine größere Bedeutung für das Leben beizumessen. Die mittelalterliche Welt ist allerdings in gewisser Hinsicht beschränkt, eng; sie ist dunkel in ihren Grenzen, unerforscht in ihren Einzelheiten aber sie hat einen Mittelpunkt in dem Gott, an den sie glaubt. Die moderne Welt ist weit, sie ist klar be­rechnet und mikroskopisch durchforscht, aber ob es einZentrum" in diesem Chaos wohlbekannter Einzelheiten gibt, ob das Leben ein einheitliches, allbeherr­schendes Ziel und einen ebensolchen Zweck hat das weiß man nicht. Man hat Klarheit gewonnen über eine weite Fläche, aber in der Tiefe nnd in der Höhe herrscht Finsternis. Mau dürfte mithin kaum Ursache haben, sich dem Mittelnlter gegenüber damit zn rühmen, daß man dessen religiöse Grnndanf- fassung des Daseins über Bord geworfen habe.

Eine andre Frage ist aber die, wieweit es dem Mittclalter wirklich glückte, sein Streben, das Verhältnis zu Gott als Kern des Lebens festzusetzen und damit in wahrhafter Harmonie alle Gebiete des Lebens zn vereinen, durch­zuführen. Man hört oft das Schlagwort: mittelalterlicher Dualismns, nnd dieses Wort hat etwas wahres an sich. Es bezeichnet, daß man nicht bis zu einer Einheit vorgeschritten ist, sondern daß man stehn geblieben ist bei einer unvereinbaren Zwiefültigkeit: Gott und Welt. Das Übernatürliche und die Natur, das Leben in Gott und das Weltleben, das Religiöse und das Humane wurden gleichsam als unvereinbare Gegensätze einander gegenübergestellt. Man hat eben die tief liegende Schwierigkeit in dem Problem: das richtige Ver­hältnis zwischen Religion und andern Lebensgcbieten herzustellen, entdeckt. Diese Schwierigkeit war uud ist nicht nur eine theoretische, sondern vor allem auch eine praktische; denn auf die Frage: Wie kann man ganz für Gott leben, der ja alles fordert, und zugleich für etwas audres? gibt es nur die Aut­wort: Der ganz für Gott leben will, der religiös lebeu will, muß alles nudre beiseite lassen. Und diese Antwort ist eigentlich das, was im mittelalterlichen Geistesleben gebilligt uud gepflegt wird von Angustin, Hieronhmus und Gregor dem Großen bis zu dem Augustinermönch Luther: Askese und klöster­liche Frömmigkeit. Vita, rsliZiosa ist das Leben des priesterlichen Mönchs, der allein mit Recht religiös genannt wurde; denn die Abkehrung von der Welt zu Gott bedeutete im Mittelalter, ins Kloster gehn. Gott und Welt können nicht mit gleichem Interesse in oder von derselben Seele nmfaßt werden, eins von beiden mußte gewählt werden. Gottesliebe fordert Welt- Verachtung.

Was das Verhältnis der Religion zur Natur, zum Natnrleben (vom Menschen zunächst abgesehen) betrifft, fo ruhte nach mittelalterlicher Anschauung