140 Die mittelalterliche Religionsanschauung und ihre Beziehungen zur Gegenwart
storben war, wurde Graf Apponyi Kammerpräsident, und Horanszky, für den Hcgedues Platz machen mußte, erhielt das wenig verheißungsvolle Handelsministerium. Herr von Szell hatte darin Erfahrungen, denn er hatte schvn dem klugen Dr. Kaizl seinerzeit mit der sogenannten Szellschen Klausel iu der Dauer des Bankstatuts nachgeben müssen und stand jetzt in den Zolltarif- und Ausgleichsverhandlnngen dem ihm weit überlegnen Ministerpräsidenten Dr. von Körber gegenüber, der früher selbst Handelsminister gewesen war. Mochte Horanszky, dem man die Verantwortung für die etwaigen Mißerfolge zuschieben konnte, den verhängnisvollen Posten übernehmen. Horausky starb übrigens nach wenig Monaten. Wenn aber Szell gemeint haben sollte, das; er den Grafen Appouyi auf dem verhältnismüßig neutralen Posteu des Kammerpräsidenten „kaltgestellt" habe, so sollte er bald aus seiner Täuschung gerissen werden. Er hatte ja auch geglaubt, daß es nur der Auflösung der Nationalpartei und des Eintritts ihrer Mitglieder in die Regierungspartei bedürfe, sie auch für ihr Programm zu gewinnen, während sich Graf Apponyi und Horanszky in der Erinnerung an die Vereinigung der Tiszagrnppe mit der Decikpartei der Erwartung hingegeben hatten, daß es ihnen durch die Vereiniguug möglich seiu werde, ihr Programm auf die Regierungspartei zu übertragen. Sie hatten richtiger kalkuliert, der radikalere Flügel eiuer Partei pflegt ja in den meisten Füllen die Oberhand zu gewinnen.
(Schluß folgt)
Die mittelalterliche Religionsanschauung und ihre Beziehungen zur Gegenwart
»ie Bedeutung des Mittelalters für den Fortschritt der Menschheit im allgemeinen wurde und wird gewöhnlich sehr verschieden beurteilt. Während der selbstgefällige Rationalismus des achtzehnten Jahrhunderts über die „Nacht des Mittelnlters" vor- Inehm lächelte uud diese wichtige Periode der Weltgeschichte, in der sich germanische Kraft mit der Innigkeit uud Gemütstiefe des Christentums vermählte, als Zeit fiustern Aberglaubens betrachtete, fanden die Rvmautiker des neunzehnten Jahrhunderts in ihrer schwärmerischen Vorliebe für das Mittelalter nicht Worte genug, dessen dichterische Schütze, poetische Lebensauffassung, Frömmigkeit, Gemüts tiefe nsw. zu preisen. Seitdem man sich einerseits von dem „gottverlassenen Vernnnftkultus" des achtzehnten Jahrhunderts emanzipiert hat nnd andrerseits ans der romantischen Phantasie- beranschuug in der Kindheit des neuuzehuten Jahrhunderts erwacht ist, ist die nüchterne Beobachtung und Kritik auf dem Gebiete der historischen Forschnng, die jede Zeitperiode als Glied eines großen Entwicklungsprozesses auffaßt und beurteilt, zu ihrem Rechte gekommen und hat besonders den langen Zeitraum vom Untergang der antiken Kultur bis znm Anbruch der „neuen Zeit" zum