Beitrag 
Der Marquis von Marigny : eine Emigrantengeschichte : (Fortsetzung). 6
Seite
796
Einzelbild herunterladen
 

796

Maßgebliches mid Unmaßgebliches

Meine Tochter? entgegnete der Marquis, indem er aufsprang, und alle Scheu vor den Schürzenzipfeln überwindend, dicht vor die Alte hintrat.

Meine Tochter? Madame, ein Wort statt vieler! Bin ich ein honetter Mieter? Antworten Sie!

Die Wittib nickte.

Gut! Bin ich eiu pünktlicher Zahler? Die Wittib uickte wieder.

Gut! Legen Sie Wert darauf, mich unter Ihrem Dache zu behalten? Die Wittib nickte zum drittenmal.

Nun wohl, Madame, so ersuche ich Sie um zweierlei. Erstens, tragen Sie dafür Sorge, daß ich das warme Wasser zum Rasieren des Morgens mit dem Schlage sieben und nicht erst, wie heute uud gestern, um halb acht erhalte, und zweitens, reden Sie nie mehr von meiner Tochter! Merken Sie sich: ich habe niemals eine Tochter gehabt und hoffe auch in Zukunft nie eine zu bekommen. So. Dos war es, was ich Ihnen zu sagen hatte. Guten Abend, Madame!

Ehe sie recht wußte, wie ihr geschehn war, stand die Alte auf dem Borsaal.

Dann aber ermannte sie sich, eilte, so schnell es die alten Füße erlaubten, die Treppe hinab, stülpte die Haube auf den Kopf und rannte ohne Aufeuthalt die Kornpforte Himmler über den Euteupfuhl in die Engelgasse, wo ihre beste Freundin wohnte.

Denke Sie sich, Zimmcrmanuin, rief sie nach Atem ringend, mein Franzose! Das Weibsbild ist gar nicht seine Tochter! Er hat mir alles haarklein erzählt. Nnr das eine will mir nicht in den Kopf: wenn ers gewußt hat, weshalb hat er sich dann volle dreiundzwanzig Jahre mit ihr herumgeschleppt?

(Fortsetzung folgt)

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Der Untergang des Hauses Obrenowitsch. Eine Republik zu gründen, ist heutzutage ein Kinderspiel im Vergleich mit der Aufgabe, eine neue Monarchie ins Leben zu rufen. Denn die Republik beruht auf irgendwelcher Mehrheit, die von selbst entsteht oder auch künstlich gemacht wird, eine Monarchie hat ihre Stärke in der Tradition, in der Geschichte, in der Erinnernng an gemeinsame Taten und Leiden, die Volk und Herrscherhans verbindet, nnd das alles läßt sich nicht machen, es wächst nnd wird allmählich und schlingt ein Band der Trene, ein sittliches, nicht uur eiu rechtliches Band um Fürst und Volk. Ist diese Tradition einmal auf längere Zeit uuterbrochen, dann läßt sie sich sehr schwer wieder herstellen; ist sie gar nicht vorhanden, dann gehört eine ungewöhnliche Persönlichkeit dazu, sie einigermaßen zu ersetzen. England ist so klug gewesen, die 1649 mit der Hin­richtung Karls des Ersten vernichtete Monarchie nach kurzer Unterbrechung schon 1660 wieder herzustellen, und auch die sogenannte glorreiche Revolution von 1688 setzte nur eine weibliche Linie der Stuarts an die Stelle der beseitigten männlichen. In Frankreich dagegen war die Kluft, die die Revolution zwischen der Nation und dem bourbvnischen Königshanse aufgerissen hatte, so breit und so tief, daß dessen Wiederherstellung 1811- erst nach zweiundzwanzig Jahren und nur mit Hilfe der fremden Mächte gelang, uud gerade deshalb nicht von Dauer war. Das Militär­kaisertum Napoleons des Ersten konnte an die alte Monarchie nicht anknüpfen, weil es auf den Grundsätzen der siegreichen Revolution, auf der Volkssouverttnität, dem Triebsande des allgemeinen Stimmrechts beruhte, nnd auch die alles überragende Persönlichkeit des Alleinherrschers vermochte diese Mängel nicht nnszugleichen. Eben-