Beitrag 
Alte Redensarten neu erklärt
Seite
724
Einzelbild herunterladen
 

724

Der Marquis von Marigny

Matthäusevcmgelinms, woran man zunächst zu denken geneigt ist, schlechterdings nicht erklären. Er mischt in eigentümlicher Weise Scherz und Ernst, klingt g. I» Fischart, d, h. wie Humor des streitbaren Protestantismus in der zweiten Halste des sechzehnten Jahrhunderts. Da man mit dem Evangelium Matthäi zur Er­klärung nichts anfangen kann, möchte man an den Tag Matthäi denken, der irgend­wie nnt der Wendung der lutherische» Zeitam letzten," die gewöhnlich auf das letzte Kapitel einer biblischen Schrift bezogen wurde, humoristisch, doch mit der ernsten Bedeutunges ist aus," wobei obendrein oft geradezu an den Tod ge­dacht wird, verbunden worden wäre. Liest man nnn in einer Chronik Magdeburgs, d. h. der Stadt, die dem Kaiser Karl dem Fünften, dem großen Proteftnntenfeind, unter allen freien deutschen Städten am mannhaftesten entgegengetreten war, zum Jahre 1558:Im selben Jare den 16. September, war der abent Mattet, ist der alte Kaiser Carl in einem Closter in Hispnnien gestorben" kann man sich da der Vermutung entschlagen, daß wir in einer ironischen schlagwortmäßigen pro­testantischen Beleuchtung dieses Ereignisses den Keimpunkt unsrer Redensart haben möchten? _ R. ZV.

Der Marquis von Marigny

Eine Emigrantengeschichte von Julius R. aarhaus (Fortsetzung)

5

n Mutter Haßlachers Garten vor dem Löhrtore staudeu die Apfel­bäume in voller Blüte. Weder die Besitzerin noch ihre Besucher vermochten sich zu entsinnen, daß die Bäume jemals zuvor in einem so reichen Frühlingsschmncke geprangt hätten, und wenn die Nachbarn über ihre Zäune schauten, so mußten sie sich, um den Anblick eines solchen Segens ohne allzu große Beeinträchtigung ihres Wohlbehagens ertragen zu können, immer und immer wieder vorhalten, daß ja nicht jede Blüte eine Frucht ansetze, oder daß eiue solche Überfülle nicht ohue Einfluß auf Größe und Qualität der zukünftigen Äpfel bleiben werde. Überdies sei man ja auch erst im April, und bis zum Oktober köunte noch mancher Nachtfrost und manches Un­wetter eintreten und die Hoffnungen der Besitzerin dieser vielversprechenden Bäume zu schänden machen.

Nicht als ob man der guten Wittib etwas Böses gewünscht hätte! Beileibe nicht! Aber war es recht und billig, daß in ihrem Garten das kleinste Neislein ein Paar Dutzend Blüten trug, während der Frühling rings in den Nachbargärten nur die spärlichen Reste verstreut zu haben schien, die auf dem Grunde seines Füll­horns zurückgeblieben sein mochten?

Aber die Apfelbäume wußten wohl, weshalb sie in diesem Jahre so reich blühten. Nicht aus Eitelkeit, denn sie waren schon in dem Alter, wo sie wissen mußten, daß Schönheit und Ruhm nur durch eine Fülle von Unbequemlichkeiten erkauft werden, und daß sie an den Folgen eines solchen Frühlingsrausches im Herbste schwer zu tragen haben würden, sondern aus zärtlicher Teilnahme für die zierliche blasse Mcidchenblnme, die jeden Mittag in einer Portechaise am Garten- pförtchen erschien, langsam über den schmalen, mit Vuchsbaum eingefaßten Weg wandelte und sich dann auf deu mit Kissen belegten Korbsessel niederließ, den Mutter Haßlacher schon eine Weile vorher aus dem chinesischen Sommerhänschen ins Freie getragen und in die warme Sonne gestellt hatte.

Und wenn dann das Mädchen in Decken eingehüllt dasaß, sich des wonnige» Gefühls der Wiedergenesung und zugleich auch der Frühliugsseligkeit freuend, dann