Die Frauenbewegung während der französischen
Revolution
KWM
!N den vielbesprvchnen Tagesfragen der modernen Zeit gehört ohne Zweifel die Frauenfrage. Sie berührt die rechtliche, politische, wirtschaftliche und sittliche Seite des Frauenlebens; dabei machen sich regelmäßig Versuche geltend, die Stellung der Fraueu in der menschlichen Gesellschaft neu zu regeln: die Gesamtheit dieser Bestrebungen pflegt man heute mit dem Schlagwort „Frauenbewegung" zusammenzufassen. Mehr als hundert Jahre sind seit dem ersten Auftauchen der wichtigen Probleme verflossen; denn die große französische Revolution, die den Zusammensturz der alten Gesellschaftsordnung herbeiführte, muß als Ausgangspunkt der Frauenbewegung angesehen werden.
Der französische General Marquis de Lafayette, der an dein nordameri- knnischen Freiheitskriege teilgenommen hatte, brachte am 11. Juli 1789 seine berühmte „Erste Erklärung der Rechte der Menschen und der Bürger" vor die frnuzösische Nationalversammlung. Hier sprach er, wie ein Abgeordneter artig bemerkte, „über die Freiheit so, wie er für die Freiheit gekämpft hatte." Sein Entwurf, der nur Rechte, aber keine Pflichten enthielt, begann also: Die Natur hat die Menschen frei und gleich geschaffen, die für die Gesellschaftsordnung nötigen Unterschiede sind nur auf den öffentlichen Nutzen begründet. Und dann fügt er hinzu: Jeder Mensch kommt mit uuveräußerlicheu und un- vorgreiflichen Rechten zur Welt. Solche Rechte sind: die Freiheit aller seiner Meinungen, die Sorge für seine Ehre und sein Lebeu, das Recht des Eigentums, die freie Verfügung über seine Persou, seine Arbeit, alle seine Fähigkeiten, die Mitteilung seiner Gedanken auf jedem möglichen Wege, das Streben nach Wohlfahrt und der Widerstand gegen Unterdrückung. Die Ausübung der natürlichen Rechte hat keine Schranken als die, die allen andern Mitgliedern der Gesellschaft den Genuß der Rechte sichern usw.
So heißt der Anfang der ersten Fassung des Themas, das nun wochenlang in erregten Debatten von der Nationalversammlung erörtert wurde. Inzwischen kam es in der Nacht vom 4. zum 5. August 1789 zn den bekannten Verzichtleistungen. Der Klerns überbot den Adel, der Adel den Klerus, als es sich darum hcmdelte, Vorrechte und Titel aufzugeben. „Es war, wie ein Geschichtschreiber zutreffend sagt, ein Taumel der Aufopferung, ciu Ehrgeiz der Selbstverleugnung, das Endergebnis eine Liste von Beschlüssen, die mehr wert waren als alles Reden von den Menschenrechten, denn es wurde iu den Gesetzen vom 4. zum 5. August der Rechtsbvden einer neuen Gesellschaftsordnung geschaffen."