(Lduard Mörike als Annstler
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eine Frage der Zeit! Tatsächliche Macht, politischer Besitz und unbeschränkte Verkehrsmöglichkeit werden dann zusammenfallen und den Kontinent zur Union und die Union zum Kontinent gestalten.
(Schluß folgt)
Lduard Mörike als Künstler
von Uarl Fischer in Wiesbaden
ottfried Keller war Maler, ehe er Dichter wurde; Goethe zweifelte mehr als einmal im Lebeu, ob er nicht mehr znm Maler als zum Dichter tauge; Mörike äußerte noch in seinem höhern Alter, zuletzt M, von Schwind gegenüber, denselben Zweifel. Während Mörike in der bildenden Kunst über spielerische und handwerksmäßige Betätigung, wie Schnitzen, Bosseln und Töpfern, nicht herauskam, leistete er im Malen oder Zeichnen, namentlich in Porträts, Karikaturen und Landschaften manches, was als künstlerischer Anfang gelten kann. Es ist das licht- und farbendurstige Auge des Malers Mörike, das sich nach freundlichen, von der Kultur umhegten, ja stilisierten Landschaften sehnt. Es sind meist rasch hiugeworfne Federzeichnungen — einige habe ich in meiner Mörike-Biographie nachbilden lasten —, die wie seine meisten Bleistiftzeichnungen durch feste Linienführung und charakteristische Darstellung des Beobachteten ansprechen.
Mvrikes bedeutende musikalische Anlagen, deren Ausbildung er sich als Knabe widersetzte, zeigen sich vorwiegend in seinem ungemein feinen Ohr für Wortklang und Rhythmus, sowie in dem Wohllaut und der Biegsamkeit seiner Stimme. Ungewöhnliches Talent hatte er für alle mimischen Darstellungen. Er war nicht bloß ein hinreißender Erzähler und Vorleser, sondern auch ein Schauspieler, der sich völlig in einen Charakter hinein zu versetzen und ihn durch die Beherrschung der Darstellungsmittel so vorzuführen wußte, daß er dem Zuschauer wirklich als der erschien, den er darstellen wollte. Geniales hat Mörike jedoch nur in der Dichtkunst geleistet, dereu Darstellungsmittel er in der Lyrik und der Epik bis zur Meisterschaft beherrschte.
Das Darstellungsmittel der Poesie ist die Sprache, diese hat zwar auch chre sinnliche Seite, wie Rhythmus, Reim, Wortklang, Figuren usw., ist aber wesentlichen „unsinnlich"*); der Dichter kann nicht wie die andern Künstler unmittelbar dnrch die Sinneswerkzeuge wirken, er kann nur Eindrücke hervorrufen, deshalb vergegenwärtigt er Vergangnes, bewegt Unbewegliches, beseelt Unbeseeltes, läßt Beseeltes erstarren in Anorganisches; so erzielt er den Schein, die Illusion des Sinnlichen. Es entspricht der unsinnlichen Natur seines Darstellungsmittels, wenn der Dichter das Seelenleben des Menschen znm
Vergl. Theodor A. Meyer, Das Stilgesetz der Poesie. 1901.