Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
617
Einzelbild herunterladen
 

Maßgebliches und Unmaßgebliches

617

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Bund der Kaufleute. Aus Berlin kommt die Nachricht, daß die Dele­gierten von 124 kaufmännischen Vereinigungen ganz Deutschlands beschlossen haben, einen Bund der Kaufleute zu begründen. Der Kaufmannsstand — so wurde in der Sitzuug ausgeführt — hat bisher keine Organisation gehabt, die seine Inter­essen in der Öffentlichkeit mit dem wünschenswerten Nachdruck hätte wahrnehmen können. Darum ist der Kaufmannsstand bisher unterschätzt, sind seine Interessen vernachlässigt worden. Der Bund der Kaufleute soll hierin Wandel schaffen. In bewußter Einseitigkeit soll er die gemeinsamen Interessen des Handelsstandes wahren und die Gesetzgebung in dieser Richtung beeinflussen. Jeder, der dem Handelsstande angehört, ist zum Mitgliede berufen, ob er selbständiger Kanfmcmn oder Hand­lungsgehilfe, ob er Großkanfmann oder kleiner Krämer ist; alle, ohne Rücksicht auf politische Partciangehörigkeit, ohne Rücksicht ans soziale Stellnng. Auch wenn es in der Versammlung nicht ausdrücklich ausgesprochen worden wäre, würde es jeder­mann sofort erkennen, daß dieser Bund mehr noch als im Namen in der Sache dem Bunde der Landwirte gleichen soll. Einseitige Interessenvertretung, mechanische Massenwirknng! Wir zweifeln nicht, daß der neue Bund Anklang finden wird, wir halten es nicht für ausgeschlossen, daß im nächsten Jahre nach dem Bunde der Landwirte der Bund der Kaufleute im Zirkus Renz zu Berlin seine Heeresschau halten wird, daß schließlich auch der beweglichere Kaufmann dnrch die Zahl dieselbe Mnssenwirtnng erzeugen wird, wie der gewichtige Landwirt. Doch gleichviel, wie sich der neue Bund auch künftig entwickeln wird, schon die Tatsache seiner Gründung ist für den, der die innerpolitische Entwicklung Deutschlands iu den letzten Jahr­zehuten verfolgt hat, von Bedeutung, sie ist eiu weiterer Schritt auf dem Wege der Entwicklung, die schließlich zum Zerfall der alte» politischeu Parteien und zu deren Ersetzung durch wirtschaftliche Interessenvertretungen führen wird. Den An- f"»g dieser Entwicklung bezeichnet die Entstehung der sozialdemokratischcn Partei. Denn abgesehen von der politischen Verbrämung des Parteiprogramms ist diese Partei ihrem innersten Wesen nach nichts als eine Organisation zur einseitigen Vertretung der Arbeiterinteressen, ein Bund der Arbeiter, die Arbeiterpartei, wie sie sich selbst so oft bezeichuet. Mag immerhin der wissenschaftliche Sozialismus die kommunistische Organisation der Volkswirtschaft als das Ideal bezeichnen und damit nicht nur den Jnteressenkreis der Arbeiterklasse, sondern den des ganzen Volks berühren, davon ist er doch überzeugt, daß eine solche alles umfassende Neuordnnng nicht mit einem Schlage, nicht in der nächsten Zeit verwirklicht werden kann, sondern "ur ans dem Wege allmählicher, organischer Weiterentwicklung des Bestehenden, als das Ergebnis eines vielleicht noch Jahrhunderte dauernden Umwandlungsprozesses. Je weiter aber eiu Ideal von seiner Verwirklichung entfernt ist, desto weniger ist cs geeignet. Norm uud Richtschnur einer Partei zu sein, die sich praktisch iu der Gegenwart betätigen will. Und wenn ferner die sozialdemokratische Partei die demokratische Republik als die beste Staatsform bezeichnet, so hat auch das nicht viel mehr als eine wissenschaftliche Bedentnug! die Partei ist sich über die tiefste Ursache ihrer werbenden Kraft viel zn klar, als daß sie ihre Kräfte in dem Kampf um eine Staatsform vergeudete, die bedeutungslos wäre, wenn nicht zugleich der soziale und wirtschaftliche Aufbau des Volkskörpers vou Grund aus umgewandelt würde, von der sie aber hoffen kaun, daß sie einst als das natürliche Ergebnis der erstrebten innern Umwandlung des Vvlkskörpers wie eine reife Frucht iu den Schoß der kommunistisch organisierten menschlichen Gesellschaft fallen wird. Soweit also die sozialdemokratische Partei als eine in der Gegenwart und für die Gegenwart wirkende Partei in Betracht kommt — und bei der Beurteilung der gegenwärtigen i»uern politischen Verhältnisse kommt sie nur als solche in Frage —, bleibt von ihrem Parteiprogramm nichts übrig als die einseitige Wahrnehmung der Interessen Grenzbotcn I 1903 79