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Patzelt, Julius : Die Irrtümer der Demokratie
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die Wähler sind, die die Instruktionen erteilen. Herr Singer vergaß aber in seinem Schmerze ganz, daß er selbst zn den ausgeprägtesten Jnteressenvertretern im Reichstage gehört.

Mit Verachtung hat die Demokratie jederzeit auf die alten ständischen Verfassungen hinabgesehen. Sie verkannte in ihrem sinnlosen Gleichheitsdnsel vollständig ihren berechtigten Kern, konnte aber nicht verhindern, daß diese ständischen Interessen trotz aller „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit," eben weil sie natürlich und berechtigt sind, in die neue Zeit und in die demokratischen Verfassungen hineinwuchsen. Allerlei ständische Wahlprivilegien, das Klnssen- wahlrecht und andre Bestimmungen legen Zeugnis davon ab, und wenn die Demokratie dabei von nichtswürdigen Rückständigkeiten spricht, dann vergißt sie, daß wirtschaftliche und sinauzielle Syndikate gerade in den großen demo­kratisch organisierten Staaten wie Frankreich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika die gesetzgebenden Körperschaften leiten und lenken; sie ver­gißt aber auch, daß die Sozialdemokratie selbst den Kampf um die Gesetzgebung genau von demselben Standpunkt aus führt wie die Börse, die Agrarier, die Handwerker usw. Wie könnte es auch anders sein! Der einheitliche Volkswille löst sich in der Praxis sofort in Millionen Einzelwillen auf, die sich wiederum unter dem Drucke der Verhältnisse und nach gleichen materiellen Interessen gruppieren, um — einander zu bekämpfen. Daß diese Verquickung der demo­kratischen Lehrsätze mit der Interessenvertretung vom Übel ist, stimmt allerdings, ja man wird darin das hauptsächlichste Zersetzuugsferment der modernen repräsentativen Verfassungen erkennen müssen; aber ebenso töricht wäre es, den berechtigten Grundsatz der Interessenvertretung aus unserm öffentlichen Leben auszuschalten und die auf einer Fiktion beruhenden demokratischen Grund­sätze aufrecht zu erhalten.

(Schluß folgt)

Der Reichshaushalt und die Finanzen der Vundesstaaten

m 19. Januar schloß der Neichsschatzsetretür Freiherr v. Thiel­mann die Rede, mit der er den Reichshaushaltsetat für 1903 dem Reichstage vorlegte, mit den Worten:

Wie ich Ihnen im vorhergehenden sagte, ist dieser Etat mit 24 Millionen ungedeckter Matrikularbeiträge, 125 Millionen ordent­licher Anleihe und 95 Millionen Zuschußanleihe der ungünstigste, der je im Reichs­tage vorgelegt worden ist. Keinem einzigen Ressort kann irgendwelche Mitschuld an den ungünstigen Verhältnissen aufgebürdet werden; dem? die Ungunst der wirt­schaftlichen Verhältnisse ist im voraus nicht zu berechnen, und der Rückgang bei den Einnahmen aus den indirekten Steuern ist ein Faktor, gegen den kein Finanz- minister eine Waffe besitzt. Es kommt hinzu, daß das Reich aus gesetzlichen Ur­sachen, ganz abgesehen von der gewöhnlichen Steigerung der Ausgaben bei Ge­hältern und dergleichen, eine Menge Ausgaben zu leisten hat, die ein Einzelstant sich nicht zur Last zu schreiben braucht. Ich rechne dazu beispielsweise den Zuschuß