Herbstbilder von der Röder und der pulsnitz
von Otto Eduard Schmidt ^ Großenhain und die Großenhainer Pflege as sächsische Elbtal zeigt seit Jahrzehnten eine so rasch fortschreitende Besiedlung mit Wohnhäusern nnd Fabrikgebäuden, daß der Zeitpunkt nicht mehr fern zu sein scheint, wo die ganze Strecke des offnen breiten Flußtals vom Ende der Talenge des Elbscmdstein- gebirges bei Pirna bis zum Sndabhcmge der Meißner Sparberge ein einziges zusanunenhängendes Häusermeer, ein sächsisches London sein wird, dessen kraftvoll schlagende Herzkammern in dem links - und dem rechtselbischeu Dresden liegen. Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts war es noch eine kleine Reise, weuu jemand in der schwerfälligen Postkutsche von Dresden nach Meißen fuhr, zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren Meißen und anderseits nuch Pirna der Hauptstadt so nahe gerückt, daß beide iu deu Vorortsverkehr der Eisenbahn aufgenommen wurden. In deu Verkehrsadern dieses gigantischen Häuserleibes brausen schvu jetzt Tag uud Nacht die Eiseubahnzüge, klingeln die elektrischen Bahnen, schnauben die Schleppdampfer, die Eil- und die Personendampfer zu Berg und zu Tal, rollen die Lastwagen, raffeln die Maschinen, qualmen die Schlote, Hetzen die Menschen sich und andre ab, werden die Güter, die beweglichen wie die unbeweglichen, nach den eisernen Gesetzen der Gesellschaftswissenschaft in unaufhörlichem Wechsel herüber uud hinüber geschoben.
Diesem Zustande rastloser Entwicklung, unablässigen Entstehns und Ver- gehns entspricht anch die Wohn- und die Siedlungsweise der Eiuwohuer. Die Verwandlung, die sich hier vor unsern Augen vollzieht, hat fast etwas Amerikanisches. Noch vor dreißig Jahren war Lvschwitz ein ländlicher Ort, der die sanften Reize der Körner-Schillerschen Zeit in fast unveränderter Reinheit wiederstrahlte; jetzt ist es ein menschenwimmelnder Vorort, sein an der Elbe liegender Kern ein Stadtviertel in „geschlossener Bauweise," die bergigen Ränder sind voll vou übereinaudergeschachtelteu sogenannten Landhäusern, die aber in Wahrheit meist nur übel angebrachte schwerfällige städtische Steinkolosse sind. So denke ich mir etwa die „Läudlichkeit" des römischen Tusculums oder Tiburs in den ersten Jahrhnnderten der Kaiserzeit! — Noch vor dreißig Jahren ging ich als Primaner mit der langen Pfeife von Dresden-Friedrichstadt nach dem Bauerndorfe „Froschcotte" (Cvtta) spazieren; drang man aber einmal zur Traubenzeit weiter stromabwärts bis in einen der kleinen mit Weinlauben überwachsuen Gasthofsgürten der Elbdörfer Kemnitz oder Stetzsch vor, so saß man in der unberührtesten Dörflichkeit, wo die Banern in Hemdärmeln beim Glase Schielerwein Kegel schoben. Heute ist au alleu diesen Punkten längst die städtische steinerne Mietkaserne mit dem „Hypothekentnrm" als Siegerin eingezogen, nnd