Klassendünkel und Sozialpolitik
lnsreZeit ist in besondern: Grade sozialpolitisch, Sie scheint aber zugleich eine Zeit wieder erstarkenden Staudeshochmuts, Klassendünkels und Kastengeistes zn sein. Viele, auf die etwas zu geben ist, siud überzeugt davon, wenn auch die mit dieser Strömung ! treibenden natürlich nichts davon wissen wollen. Die soziale Frage steht mit Recht mehr als jemals im Vordergrund unsrer innern Politik. Die Sozialpolitik der Sozialdemokratie muß überwunden werden durch die rechte Sozialpolitik; die arbeitenden Massen — das ist das dringendste — müssen von der Herrschaft der Sozialdemokraten befreit und wieder zu eignein Beobachten und eignem Überlegen gebracht werden. Der Kaiser hat ihnen in Breslau wiederum die Hand gereicht. Unsre Sache ist es, alles aufzubieten, daß seinen humanen, arbeiterfreundlichen Absichten im Volk die Wege geebnet werden. ^>enn die, die die Arbeiter von der Herrschaft der Sozialdemokratie befreien Wollen und sollen, noch mehr in Klassendünkel und Kastengeist hinein geraten, sv werden die Aussichten auf wirklichen Erfolg nur schlechter werden. Vielleicht ist diese Geistesströmung uuter den führenden Klaffen, den sogenannten »bessern" Ständen, schon mit daran Schuld, daß trotz aller Sozialpolitik, die sie gemacht haben, die verhängnisvolle Macht der Sozialdemokratie über die lassen eher zu- als abgenommen hat.
In seinem neuen Buche über die deutschen Universitäten sagt Friedrich Paulsen über die Stellung der akademisch Gebildeten in der Gesellschaft, ihre Gesamtheit stelle in Deutschland eine Art „geistiger Aristokratie" dar. Es gehörten dazn die Geistlichen und Lehrer, die Richter und Beamten, die Ärzte und Techniker, knrz alle, die sich „durch einen Kursus auf der Hochschule" en Eintritt in einen der „gelehrten und dirigierenden Bernfe" verschafft hätten. Sie bildeten in ihrer Gesamtheit eine Art Amtsadel, wie sie denn anch alle an der Staatsregierung und Staatsverwaltung beteiligt seien. Wir fänden Ve „in den Bureaus und Gerichtshöfen, in den Konsistorien und Schulkollegien, "?„^ hygienischen und technischen Verwaltung aller Stufen nebeneinander thätig." Und erklärend fügt er dann noch wörtlich hinzn: „Im ganzen bilden dle Inhaber dieser Berufe eine homogene gesellschaftliche Schicht; sie erkennen
Grenzboten IV 1903 87