572
Das aber ist die Sache unsrer Lehrerschaft. Sie wird diese ihre moderne Aufgabe nur lösen, wenn sie selbst von ihrer Bedeutung tief durchdrungen ist, wenn sie selbst das klassische Altertum in sich lebendig macht und dein veralteten Formalismus gänzlich entsagt, wenn sie nie vergißt, daß hente die alten Sprachen nur Mittel zum Zweck siud, wenn sie die Höhe der Leistung nicht nach deu Extemporalien mißt und das lateinische Spezimen nicht zu einer unnatürlichen Sammlung von Fallstricken macht, sondern daneben womöglich wieder zu einem freien Gebrauche des Lateinischen in Wort und Schrift anleitet, also den Schülern wieder mehr das freudige Bewußtsein eines gewissen Könnens giebt, endlich ihre wichtigste Aufgabe nicht darin sieht, möglichst einwandfreie Zensuren zu erhalten, sondern in dem sichern grammatischen und sachlichen Verständnis eines lateinischen und griechischen Textes. Man plage aber auch vou oben her das Gymnasium weniger mit Prüfungen aller Art, deren allzustarke Betonung nur zur Dressur führt und Lehrern wie Schülern die Freude an der Arbeit nimmt; man gewähre den reifern Schülern mehr Freiheit zu selbständiger Thätigkeit, namentlich auch die Möglichkeit, sich in die Bearbeitung eines deutschen Aufsatzes einigermaßen zu vertiefen, wozu ihnen heute das Vielerlei der häuslichen Arbeit kaum mehr die Zeit läßt; man gönne den Lehrern einige Entlastung vou Stundenzahl und Korrekturen, statt jede „Lehrkraft" möglichst „auszunützen," auf die Gefahr hin, daß sie früh zusammenbricht, was leider nur zu häufig vorkommt; man schaffe ihnen endlich ein wirklich sorgenfreies Dasein, das sie als Familienväter mit heranwachsenden Söhnen und Töchtern jetzt trotz aller dankenswerten Gehaltsverbcsserungen der letzten Zeit auch bei den bescheidensten Ansprüchen eines bürgerlichen Haushalts ohne eignes Vermögen thatsächlich immer noch nicht haben. Ein solches aber ist bei Gymnasiallehrern selten vorhanden, denn sie kommen meist aus kleinen, oft engen Verhältnissen, weil die ganze Laufbahn den Ehrgeiz nicht anlockt, sondern eher abschreckt, also von Söhnen wohlhabender und reicher oder hochgestellter Väter fast niemals eingeschlagen wird. Dann wird sich ein zweites gutes Wort Bosses erfüllen, das er wenig Monate vor seinem Tode (31. Juli 1901) geschrieben hat: „Wir brauchen für das Gymnasium nur freie Hand, dann bleibt es von selbst oben."
Deutsch - Osterreich
(Schluß)
s giebt in Österreich eine ganze Reihe von historischen Legenden, die meist von der Presse suggeriert worden sind, die wohl jedermann nachspricht, aber keiner mehr recht glaubt. Zu diesen gehört anch die Wendung, das letzte deutsche Ministerium wäre einzig und allein über die bosnische Frage gestürzt. Das bestreiken wir mit gutem Grund. Der Monarch fühlte sich allerdings tief verletzt, als man ihm seine erste Erwerbung für Österreich vergällen wollte, doch