Beitrag 
Eine neue Geschichte Bismarcks
Seite
536
Einzelbild herunterladen
 

536

Am St. Gotthard

trachtung. mit der es sich von seinem Leser verabschiedet: Wie oft war gesagt worden, daß in dem neuen Reiche alles nur auf den Einen und seine Genullt zugeschnitten wäre! Wie schlimm hatten die Prophezeiungen gelautet, die ihn ans allen seinen Wegen, von Feind- und Frcuudcsseitc, begleitet hatten! Und doch wie fest, wie unerschütterlich, wie ganz sein Werk ist das Deutsche Reich geblieben! Friede schaffend, ohne ihn zu heischen, unangreifbar nach allen Seiten, der Vielheit seiner Staaten, dein nicht enden könnenden Hader seiner Parteien, dein Wirrwarr der Jnteressenkämpfe und dem nie gestillten Zwiespalte seiner Konfessionen zum Trotz hat es in der Nation ein Staatsgefühl entwickelt, das auch die extremsten Parteien, denen Bismarck als der Todfeind gegenüber stand, den: Reichsgedanken zu unterwerfen begann; der Glaube an die Macht, an die Macht der Monarchie, der Otto von Bismarck beseelte und der Quell aller seiner Thaten war, ist ein Gemeingut von Millionen geworden, die in dem starken Hanse, das er baute, wohnen.

Köln Johannes Rrentzer

Am ^>t. Gotthard

von Gtto Raemmel (Schlich)

I,^^ > ?« ZZ u diesen Verhältnissen hat sich bis zur Eröffnung der modernen Gotthardstrnße im Jahre 1830 nur wenig geändert; nur der Saumpfad wurde durch steinerne Brücken, den Durchbruch des INrnerlochs und dergleichen wesentlich verbessert. Wie sich der ! Gotthardverkehr in den letzten Jahrzehnten des achtzehnten Jahr-- I Hunderts gestaltete, das tritt aus Goethes Briefen und Tagebüchern sehr anschaulich hervor. Wir sehen die langen Züge der breitbepackten Maultiere uud Pferde schellenläntcnd daherziehn, svdaß der Fußgänger auf dem schnullen Pfade Mühe hat, an ihnen vorbeizukommen; wir sehen znr Zeit des Bellenzer Markts zu Anfang des Oktobers schönes Vieh im Jahre 1797 gegen 4000 Stück hinüberwandeln, wo sie in Bellinzona lohnend verkauft werden, Schlitten mit Urserenkäse an uns vorübergleiten, Fässer mit italienischem Wein ans dem Wege nach Schwaben ziehn. Der Weg wird vonWege-- knechten" gut imstande gehalten, bei Glatteis mit Erde bestreut, auch im Winter offen gehalten: Goethe selbst ist zweimal, im November 1779 uud im Oktober 1797 bei tiefem Schucc und scharfer Kälte auf dem Gotthard ge­wesen. Felsenrutsche, wie sie nicht selten vorkamen, werden möglichst rasch aufgeräumt, wie Goethe die Reste eines solchen 1797 in den Schöllenen trifft- Damals gingen jährlich etwa 16000 Menschen und 9000 Sanmtiere über den Paß, doch blieb die Gütermasse ziemlich stationär.

Auf diesen Saumpfaden mit diesen Mitteln hat wenig Jahre nach Goethes letzter Schwcizerrcise der Krieg diese Thäler und Höhcu durchschritten, der im Mittclalter nur sehr selten uud mit kleinen Streitkräftcn hierher gedrungen war und seit hundert Jahren nicht wieder hier erschienen ist. Nachdem die Franzosen 1798 den Widerstand der Urtnntone gegen die ihnen aufgezwungue helvetische Republik" mit Waffengewalt gebrochen und die Schweiz zum Bündnis genötigt hatten, wurde das Land 1799 zu einem der Hauptschauplätzc des zweiten Konlitivnskriegs. Von Westen her drangen die Franzosen, von Osten die Österreicher nnd Russen ein. Nach der ersten Schlacht bei Zürich am 4. Juni wnrdeu die in Urseren stehenden österreichischen Bataillone durch