Am St. Gotthard
481
Völker recken nnd strecken sich, ihren Anteil an der Welt zu erobern, und führen im Innern erbitterte Kriege um große Ziele, aber die Dichtung aller Länder schildert mit Vorliebe das Schwächliche und das Krankhafte, als ob nur dieses darstelleuswert sei; die Nationalität macht hier gar keinen Unterschied, ein Beweis mehr dafür, daß die künstlerische Produktion der Neuzeit weniger von der nationalen Verschiedenheit als von der gemeinsamen Entwicklungsstufe abhängt. Das ist das natürliche Ergebnis, aber auch zugleich der Bankrott der modernsten Philosophen, die den Menschen bald zu einem willenlosen, unfreien Spielzeug seiner Eigenschaften und seiner Umgebung, bald zum Übermenschen, also zum brutalen Egoisten machen. Alle wirkliche Sittlichkeit aber — nicht nur die „herkömmliche" Sittlichkeit — beruht auf der Willensfreiheit und auf der Einschränkung der Selbstsucht. O. A.
Am ^>t. Gotthard
von Gtto Kaemmel (Fortsetzung)
er Gotthcirdstraße hat die Natur ihre Richtung so bestimmt vor- gezeichnet, daß nur im einzelnen Abweichungen von der einmal eingcschlagnen Linie möglich sind. Von Flüelen, wo sie am flachen Gestade des Urner Sees beginnt, durchzieht sie bis Amstcg in fast umuerklicher Steigung von 347 zu 522 Meter ^ einer Länge von 16 Kilometern die breite, nur allmählich sich verengende ^hnlebne der Rcuß, ihreu flacheu Alluvialboden, den wirtschaftlichen nnd historischen Kern des Kantons Uri, wo sich die sagenberühmten Örtlicheren Altdorf, Bürgten, Attlinghauseu, Zwinguri auf kurze Entfernung zn- Mnmendrüngen. Nur die Umgebung trägt den großartigen Charakter des Hochgebirges: hohe, schroffe, wasserzerrissene, nur unten bewaldete Wände, Drüber dann und wann hinter einem Querthale ein Glctscherrand oder ein ^chneehaupt, wie vor allem die prachtvolle Granitpyramide des Bristenstocks, le das ganze Thal beherrscht und sich immer höher in den Himmel hinein ^bt, je weiter man aufwärts steigt. Bei Amsteg geht die Thalebne in einen ^'^en Thalspalt über, die Neuß verwandelt sich in einen stürzenden, fchän- 'uenden, tosenden Gießbach, die Thalsohle verschwindet, und Straße wie Seilbahn muß sich mühsam hoch über dem Flusse, bald rechts, bald links, ^'f den darüber ansteigenden beruften Terrassen den Weg suchen. Der alte Saumpfad ist vielfach anders gegangen als die moderne, erst 1820/30 erbante -poststraße; er lief unter den drei schlimmsten Lawinenzügen des Bristenstocks, " auf dem rechte» Ufer, durch und mußte allein im Pfarrbezirk Waffen ^ "ölf Holzbrncken überschreiten, war also häufigen Störungen ausgesetzt. Fnr l^nen Unterhalt hatten die Thalgemeinden aufzukommen, uud zwar so, daß in
Grenzboten IV 1902 (N