Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Schade, dachte sie, während er oben seine Hcingetnsche vollpackte, ich dachte, er würde mehr nach der Grete verlangen.
Adieu, Mütterchen, sagte Jean in ihre Gedanken hinein. Adieu!
Schreib uns 'ne Karte vom Jnselsberg.
Erst unterwegs, als er auf die vorbeihuschenden Telegraphenstangen sah, siel ihm ein, wie sie auf den Jnselsberg kommen konnte. Jean hatte irgend einmal in diesen vier Tageu gesagt: dort hinauf muß ich auch noch! Nun nahm sie es für eine ausgemachte Sache, zumal da er gerade den Eilzug nach Westen auf dem Bahnhof erreichte. Er aber wartete mit leidlicher Geduld auf den nächsten und ließ sich von ihm nach Osteu und dann saalanf führen. Camburg, Dornburg, Jena — breites Thal, niedre Hügel, eigensinnig geformte kahle, grane Häupter zum Himmel aufschiebend, nur hie und da durch bunte Sandsteinstreifen phantastisch belebt. Die Sonne spielte mit vielfältigen Tönen über dem Rot, Grün und Weiß des Bodens, über den satten Wieseu der Uferaue, über den glänzenden Blättern der Erle, auf den Burgen in der Hohe nnd den winzigen Kirchen im Thal. Göschwitz—Papiermühle—Noda — das Thal wnrde eng, Kiefern und Fichten stiegen die Berge hinan, tief unten im Zeisgrund an dem kleinen Bache rauschte das Bucheulnnb — nnn war man im Walde!
Jean stieg aus uud begann zu wandern. Langsam erst im Vollgennß des glänzenden Sommertags, schneller und schneller dann, daß er atemlos um die letzte Kehre der Landstraße bog.
Da war ja das Dörfchen, Jean stand still uud atmete tief. Eine ferne Glocke rief in kurzen, hellen Tonen ihre Sonntagsmahnung über die Baumwipfel, vou dem Anger herüber klang das Schwatzen der Gänse, zur Seite uuter der Linde sangen Mädchen uud Burscheu das schone Lied von Rinaldo Rinaldini: Schlief der Räuber allerkühnster,, bis ihn feine Rosa weckt. Es hallte weithin durch die Bäume, nnd dann folgte ein Helles Juchzen, begann beim hohen A nnd stürzte so tief hinunter, als es die jubelbedürftige Kehle ermöglichen konnte.
Jean lächelte. Nun »vollen wir fröhlich sein, recht fröhlich!
^.äiou ?arls, (ionx st di'iUimi rivag'v, Oü I'vtriwMr rv8to eowmo vllizluun»; ^,li ^'s i'svois, ,fs rsvois mon villaM lLt lü, montane on ^'o suis —
stimmte er vor sich hin, lachte hell nnf, als ihm einfiel, was der Pariser da gesungen hatte, und rief wieder deutsch in den Wald hinein: Nnn wollen wir fröhlich sein! Dabei lief er wie einer, der große Eile hat.
(Schluß folgt»
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Zur Frage des Neformgymnasiums hat unser Freuud und Mitarbeiter Professor Kaemmel in den „Dresdner Nachrichten" Bemerkungen veröffentlicht, die wir hier abdrucken möchten, weil die Sache mich für audre Kreise wichtig ist als die Dresdner und auch unsre Leser interessieren wird. Er sagt:
Nach dem Beschlusse des Rats und der Stadtverordneten wird Dresden zu Ostern 1903 ein Neformgymnasinm, im wesentlichen nach dem Vorbilde des Frankfurter Goetheghmnafinms, erhalten. Indem wir mit der vollendeten Thatsache rechnen, möchten wir doch »ufern frühern Dresdner Mitbürger» noch einmal knrz Grcnzboten IV IML 42