122
gewesen sein. Hätte die deutsche Werft aus Patriotismus den Bau abgelehnt, so würden wahrscheinlich zwei japanische Panzerkreuzer auf englischen Werften gebaut worden sein; es scheint demnach, daß man heutzutage mit den Wölfen heulen muß. So viel aber steht fest: die Römer haben den Karthagern niemals Kriegsschiffe gebaut. Der moderne Handelsverkehr zeitigt seltsame Erscheinungen: er zwingt uns, dem Fremden Waffen in die Hand zu drücken, mit denen er uns, wenn es ihm paßt, auf den Leib rücken kann. Die Kulturfortschritte rufen doch zuweilen heillos verworrene, unnatürliche Zustände hervor. Ob wir uns also dieser Erfolge unsers Schiffbaues (und unsrer Waffenerzeugung überhaupt) freuen sollen, das bleibt dem Gefühle überlassen. Die einzige ersprießliche Lösung bestünde wohl darin, unsern deutschen Schiffbau so reichlich mit deutschen Bauauftrügeu zu versehen, daß er jederzeit auf den Ban fremder Kriegsschiffe verzichten könnte.
Abgesehen von den eben berührten wnnden Punkten ist der deutsche Schiffbau schon jetzt ein gesundes, leistungs- und lebensfähiges Gewerbe; ja er ist sogar noch entwicklungsfähig nnd erweitcrnngsbedürftig, weil er noch lange nicht den gesamten Bedarf an Schiffen für die deutschen Needereibetriebe zu decken vermag. Für eine aufstrebende Reederei und eine starke Kriegsflotte ist es geradezu eine Lebensfrage, daß sie sich auf ausreichende deutsche Werften zu stützen vermögen. Und für das deutsche Volksvermögen spielt es doch auch eine Rolle, ob weiterhin jährlich viele Millionen (1900 etwa 60 Millionen Mark) ans Ausland für Schiffe und Schifsbaustoffe gezahlt werden sollen. Deshalb muß man dem dentschen Schiffbaugewerbe eine gesunde, hauptsächlich auf deutsche Bauaufträge gestützte Erweiterung im allgemeinen nationalen Interesse wünschen; zu erwägen wäre dabei wohl die Frage, ob nicht auch andre Werften imstande wären, dein Beispiele Krnpps zu folgen und sich mit Kohlengruben und Eisenhüttenwerken zu großen Betrieben zusammenzuschließen, um mit vereinter Kraft fremde Wettbewerber besser aus dem Felde schlagen zu können.
Großflottbek Georg ZVislicenus
Die wirtschaftliche Lage Rußlands
(Schluß) Industrie
as Finanzministerium hat geglaubt, den Wohlstand des Staates auf die Entwicklung einer Großindustrie gründen zu müssen, um sich von den natürlichen Schwankungen der Erträge der Landwirtschaft unabhängig zu machen. Der Gedanke war durchaus berechtigt, aber die Art, wie er in der Praxis durchgeführt wurde, muß, wie die Thatsachen nnnmchr gelehrt haben, als nicht ganz zweckmäßig bezeichnet werden.