Hellenentum und Christentum
9. Julian
in Haß und eine Liebe haben zusammengewirkt, den edeln Julian zum Apostaten zu machen, der Haß gegen das Haus Konstantins uud die Liebe zur Philosophie. Das Kappa, wie es die Antiochener in ihren Spottliedern auf Julian nannten, verschmolz ihm zur unlöslichen Einheit mit dem Chi Mstns) — eine erste unselige Folge des Cäsaropapismns —, und so traf denn der Hnß gegen jenes unvermeidlich auch dieses. Seinen Vater, einen Oheim, einen Bruder und sechs Vettern hatten die Söhne Konstantins nach ihrer Thronbesteigung abschlachten lassen; seine, des sechsjährigen, Jugeud hatte einen Hofbischof erbarmt, der ihn den Henkern entzog, und seinen dreizehnjährigen Bruder Gallus hatte mau lebeu lassen, weil er krank war und man hoffte, er werde bald eines natürlichen Todes sterben. Julian hat seinen Haß in zwei seiner Schriften ausführlich gerechtfertigt. Nach seiner Thronbesteigung richtete er an den Rat nnd das Volk von Athen einen Brief, in dessen Eingang er sich wirklich als Nomantiker zeigt, wenn man unter Nomantik die Schwärmerei für eine entschwuudne uud idealisierte Vergangenheit versteht oder für Zustände, die überhaupt niemals dagewesen sind, sondern nnr in die Vergangenheit hineinphantasiert werden. Da aber das Wesen der Romantik w der Idealisierung einer ganz bestimmten Periode der europäischen Geschichte besteht, von der die antike Kultur so ziemlich das Gegenteil ist, sv paßt der vergleich Julians mit Friedrich Wilhelm IV. eigentlich nicht; wozu noch kommt, daß dieses Königs Ideale: Christentum, Feudalismus und patriarchalisches Regiment keineswegs in dem Sinne der Vergangenheit angehörten wie "ic griechischen Götter. Jenen Brief also leitet er mit der Behauptung ein, °ie alten Athener seien einzig in ihrer Art gewesen: ein Volk, das die Gelehrigkeit über alles geliebt und dnrch ihre Übung die Herrschaft erlangt habe; Einzelne gerechte Menschen bringe jedes Volk hervor, aber ein zweites Volk, "as aus lauter Freunden der Gerechtigkeit bestehe, gebe es nicht. Als einzigen ^eweis für diese wunderbare Beschaffenheit der Athener führt er die bekannte Anekdote an, wonach sie einen für die Stadt sehr vorteilhaften Plan des Themistokles verworfen haben sollen, weil ihn Aristides für ungerecht erklärte, ^in Fünklein dieser Tugend nun sei den Athenern geblieben, und darum wolle ^' sie zu Nichtern seiner letzten entscheidenden Handlungen machen.
So erzählt er ihnen denn seine Lebensgeschichte. Nachdem er und sein prüder dem großen Blutbade entronnen seien, habe man sie sechs Jahre lang "le Gefangne behandelt. Zwar habe man ihnen in ihrem Schlosse (Maeellnm ^ Cäsarea in Kappadozien) eine Menge Diener gegeben, aber sie von jedem