598
Latholica
ürinu8 einmal einer Vachschen Kantate oder einer Händelschen Arie entnehmen könnte, und daß es eine Hauptsache ist, die kontrapunktischen Probleme in den lebendigen Meisterwerken aufzusuchen. Bei solcher wirklich grauen Theorie wird viel Phautasie uud Schaffensfreude getötet. Dazu kommt ein stark scholastischer Zug in der heutigen deutscheu Theorie überhaupt, ihre Vernachlässigung von Melodik und Rhythmik überhaupt. Die Franzosen haben für diese Gebiete seit Reichn Lehrbücher, sie haben das Musikdiktat geübt Jahrzehnte, ehe bei uns jemand auf seine Nützlichkeit aufmerksam machte. Bei uns scheint alle Kraft iu der Harmonik festgerannt, hier streitet man mit dem Aufgebot von Natnrwissenschaft und Philosophie um Kleinigkeiten, Nebensachen und selbstverständliche Dinge nnd kommt auch in der Schule nicht darüber weg. Die Theorie lebt ein isoliertes und grämliches Dasein; die Lehrer der praktischen Kunst gehn ihr aus dem Wege, in den Jnstrumeutalstunden uud im Gesangunterricht bleiben die besten Gelegenheiten, sie mit der Praxis zu verbinden, unbenutzt. Die Folge ist Verfluchung und einseitiges Technilertum bei einer großen Masse von Schülern. Daß hier Gefahren vorliegen, ist hänfig genug schou vor Menschenaltern, z. B. von Lobe, Marx, Weitzmcmn, gesagt worden. Besserungen werden aber auch hier namcutlich durch den Mangel an einheitlicher Organisation der deutschen Anstalten erschwert.
Die Abschaffung der Konservatorien, auch ihre Umwandlung in bloße Stilbildungsschulen, wie R. Wagner wollte, wäre der Ruin der deutschen Musik und ihrer internationalen Stellung. Aber reformbedürftig sind sie. Erstrebt werden müssen vor allem unabhängige Stellung der Institute, strengere Anforderungen bei Aufnahme und Abgang und Modernisierung des theoretischen Unterrichts. Das sind die Zeitfragen, die die Musikschulen dem Mnsikerstand v orle g eu.
(Latholica
von Joseph Mayer
8. Die Universität zu Freiburg in der Schweiz (Schluß)
>ie philosophische Fakultät. Im Herbst 1889 wurde die neugegrnndete philosophische Fakultät mit dreizehn Dozenten eröffnet, von denen die Mehrzahl Nichtschweizer war. Gelesen wurde: Philosophie und Pädagogik, griechische nnd lateinische Litteratur, klassische Archäologie, deutsche, französische, romanische ! und slawische Sprachen und Litteratur, indogermanische Sprachwissenschaft, christliche Litteratur, Kunstgeschichte, historische Hilfswissenschaften, allgemeine Geschichte des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit, Schweizer Geschichte, semitische Sprachen und Litteratur, Ägyptologie und Assyriologie.
Im Jahre 1894 wurden, wie schon erwähnt, die philosophischen Vorlesungen aus der theologischen in die philosophische Fakultät verlegt, niw andre Fächer erfuhren eine Umgestaltung, sodaß der heutige Lehrplan nach