Kolonialmüdigkeit
von Heiiirich Schurtz
ir stehn im Zeichen der Kolonialmüdigkeit. Jahrelang hatte es geschienen, als ob sich auch die alten Gegner der Kolouialpolitik in die neue Lage gefuudeu hätten; der kalte oder höhnisch absprechende Ton, den sonst die Presse der durch und dnrch binnen- lündischen freisinnigen Partei in merkwürdigem Einklang mit den leisten Großkaufleuten unsrer Seestädte und mit den sozialdemokrntischen Vertretern der Industriearbeiter angestimmt hatte, war fast ganz verstummt. Mit einemmnle wird jetzt wieder das Fiasko der deutschen Kolonialbestrebungen ^on allen Seiten verkündet, Rufe der Verzweiflung und der tiefsten Entmutigung durchkreuzen und Verstürken sich gegenseitig; es ist wie ein plötzlicher Zusmnmen- brnch, der an das Unglück in der alten Laguncnstadt erinnert. Und was am leisten Aufmerksamkeit verdient: es sind dieses mal nicht die frühern Schreier mit ihrem engen Horizont, die den Ton angeben. Nein, die Stimmen, die ^ch jetzt hören lassen, gehn von den Enttäuschten ans, von einer jüngern Generation, die noch mit Begeisterung für ein größeres Deutschland eingetreten ^ und nun erbittert nnd in ihren stolzen Hossnnngen gedemütigt am Grabe ^)rer Wünsche steht. Es ist der Haß der betrognen Liebe, der ans ihnen spricht. Gerade darum aber scheint gegenüber dieser Verzweiflung Besonnenheit ""o kühle Ruhe mehr als jemals geboten zu sein.
Die Frage, was die Kolonien für uns bedeuten und iu Zukunft noch bedeuten werden, läßt sich nicht mit dem Hinweis auf die paar Zentner Kakao "ud Kaffee, die wir von ihnen zu erwarten oder nicht zu erwarten haben, ^scheidend beantworten. Hier handelt es sich zunächst um Imponderabilien, gar nicht auf dem wirtschaftlicheu Gebiete liegen. Wer sich von Anfang ^ den klaren Blick bewahrt hat, mußte in der Kolonialpvlitik eine Schule ^'hen, die den: deutschen Volke nicht erspart werden durfte, wenn es nicht ^nd hinter der großzügigen Auffassung des Daseins zurückbleiben wollte, Me sie den Engländern und den Amerikanern seit langer Zeit selbstverständlich m->'„ ^ick über die ganze Erde hin, das Verständnis für die großen
' Möglichkeiten des Daseinskampfes soll uns der Kolonialbesitz geben, und man °N sagen, daß er diese Aufgabe schon zum guten Teil erfüllt hat. Ohne
Grenzboten III 1902 71