Beitrag 
Kleists "Guiskard" und Hebbels "Moloch"
Seite
476
Einzelbild herunterladen
 

476

Sächsische Schlösser und Burgen

bildenden Künsten konkurrierend nebeneinander hergehn, sich gegenseitig ablösen, und von denen bald die eine, bald die andre die Führung überuimmt.

Die erwähnte doppelte Möglichkeit dichterischer Gestaltung beruht im letzten Grunde auf der künstlerischen Verwertung des poetischen Darstellungs­mittels, der Sprache, die eine Zweiheit ihrer Funktionen aufweist: einerseits uud an erster Stelle dient sie als der geschichtlich gewordne, wichtigste Träger der Gcdankenübermittlung dem gegenseitigen Verständnis, andrerseits befähigen sie ihre musikalisch-sinnlichen Elemente zum Formmaterial einer Kunst, der Poesie. So bietet sich dem schaffenden Dichter die entsprechende doppelte Möglichkeit dar, einmal auf diese, das cmdremäl ans jene Seite seines Sprach­materials den Schwerpunkt seiner künstlerischen Darstellung zu verlegen, sodaß diese mehr oder minder vollendete Balanee seine größere oder geringere Meister­schaft in der Sprachbchandlung ausmacht.

Auf der charakteristischen Art, wie im kleinen ein Dichter, z. B. ein Kleist und ein Hebbel, den Satz bildet, beruht im großen die Art, wie er eine Tragödie, in unserm Falle den Guiskard und den Moloch, konzipiert und zn gestalten versucht. Wilhelm Waetzoldt

sächsische Schlösser und Bürgen

(Schluß)

ugustusburg, so wird uns berichtet, enthielt fünf große Säle, sieben Vorsäle, 74 Zimmer, 96 Kammern und drei Küchen. Es war mit Metnllarbeiten, Möbeln, orientalischen Teppichen, venezianischem Glaswerk und sonstigen schönen und nützlichen Dingen reichlich allsgestattet, namentlich scheint es mit einer großen Anzahl seltner Jagdtrophüen geschmückt gewesen zn sein, von denen ein großer Teil später nach Moritzburg gekommen ist, nnter ihnen der von dem König Christian dem Dritten von Dänemark seinem Schwiegersohn verehrteHasen­kopf mit Gehörn," ein Nnturspiel, über das man sich bis auf den heutigen Tag noch nicht rechteinig" geworden ist. Wie auf der Annaburg bewegt sich auch in Augustusburg der angebrachte künstlerische Schmuck im Geist und Geschmack der Renaisscmee. Lateinische Sentenzen und Illustrationen zum Ovid zieren die Wände; es giebt dort einen Venussaal, und eine der Fresken stellt Herkules mit der Keule (auf Seite 289 heißt es sogar mit Keulen) dar. Aber die Verwendung des Klassischen geschieht in durchaus freier, selbstän­diger, echt deutscher, gemüt- und phantasievoller Weise. Namentlich scheint das Fürstenpaar vom riäsnäo oilstj^Ät urorss viel gehalten zu haben, und wenn eiuem römischen Kardiual auch vielleicht die Späße etwas plump, und die von deutschen Künstlern ersonnenen dekorativen Motive etwas böotisch vor­gekommen sein dürften, so waren sie doch, wie alles, was vom Vater August und vou der Mutter Anna ausging, heiter, lebensfroh und gesund.

Metzsch sagt uns nicht, warum das Gemach der Kurfürstin und ihrer Frauen, wo sie im Bilde ins Zimmer herabsah,als wolle sie sich überzeugen, daß man sich auch sittsam betrage," dieTurteltaubcnstube" hieß, und dci es in demselben Gebäude (Pavillon), dem Lindeuhause auch je eine Gemsen-,