In Tenaus Gedächtnis
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fassnng der Musik, die Formel von der Musik als Sprache vorzüglich bewährt! Denu die Bortragslehren des achtzehnten Jahrhunderts dringen nicht bloß auf genaue Beachtung der musikalischen Grammatik und des Formenbaues, sondern sie verlangen anch, daß der Musiker überall die „Affekte" richtig zum Ausdruck bringe. Heute schreiben wir jedes xmiw, jedes vrWvsinlo vor, metrv- nomisieren das Tempo nnd erleben es doch, daß ein Kyrie wie ein Sturm- marsch klingt. Die Komponisten der frühern Zeit überließen es den Ausführenden, die ganze Dynamik je nach Raumvcrhültnissen nnd Disposition zu bestimmen; vor Mißgriffen waren sie durch die Lehre von den Affekten gesichert, die jedem ordentlichen Musiker im Blnte saß. Der Gedanke, die Musik sei inhaltlos, oder dieser Inhalt sei völlig unbestimmt und unbestimmbar, lag vom 16. bis zum 18. Jahrhundert nußer dein Bereich der Möglichkeit, nur wurde die Bestimmbarkeit auf die Hauptzüge musikalischer Themen und ihrer Umbildungen begrenzt, auf die „Affekte." Der wahre Künstler weiß sie auch heute noch überall zu bestimmen und richtet sich in der Auffassung großer und kleinster Teile eines Musikstückes nach ihnen. Die Zukunftsaufgabe des musikalischen Unterrichts wird es sein, diesen geistigen Halt für den Musikbetrieb, diesen starken Damm gegen die Gefahren der Musik für alle, die musizieren, wieder zurückzugewinnen.
Zu Lenaus Gedächtnis
(^Z. August ^Y02) von Otto Ladendorf
enn sich der Geburtstag eiues Dichters zum hundertsten male jährt, ist man wohl imstande, die Summe seiner poetischen Existenz in geschichtlich gerechter Würdigung zu ziehn. Fraglich ist es nur, ob sich ein solches Fazit wirklich in jedem Falle lohnt, wo man es in unsrer jnbiläumsfrohen Zeit zn verkünden beliebt. Solche künstliche Beleuchtung pflegt doch in der Regel bei Sternen dritten und vierten Ranges die Festtage nicht recht zn überdauern. Nikolaus Lenau gehört nicht zu diesen halb oder ganz Vergessenen. Seine dichterische Individualität beweist auch in der Gegenwart noch starke Lebenskraft. Zwar gesteht er selbst, keiner von den glücklichen Dichtern zu sei», die wie Goethe ihrer selbst und ihrer Werke froh werden, aber er ist doch ein ganzer Dichter, ein Lyriker von reicher, eigentümlicher Begabung und hohem Kunstverständnis. Deshalb ist es Versündigung an seinem Genius, sich aus persönlicher Abneigung gegen den tief melancholischen Grundton seiner Lyrik etwa zu summarischer Ablehnung oder Unterschätzung verleiten zu lassen. Das Recht auf künstlerische Verklärung des Schmerzes, wenn dieser nur ehrlich empfunden ist, läßt sich der Dichter ausdrücklich uicht verkümmern, so sehr er selbst leere Thräneulünstelei verurteilt. Daran zu erinnern ist umso mehr Grund, als sich seinerzeit Gottfried Keller