Griechische Reiseskizzen
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Parallelen — denn so muß man eigentlich das Verhältnis von Geist und Materie graphisch darstellen — in der realen Erscheinung vorzutäuschen, das zeigt ja schon ein ganz landläufiges Beispiel. Unsre Konzert- und Theatersänger haben meist entweder eine schöne Stimme und minder begabtes Hirn, oder viel Intelligenz und Schwächen der Stimme. Ganz wenige vereinigen beides, in idealer Weise vereint es keiner. Immer bleibt ein Rest. Und so ist es in allen Künsten, so ist es bei Geigern, bei Pianisten, bei Schauspielern, bei Komponisten und Malern und Dichtern.
Jetzt liegen dank der allgemeinen Geistesrichtung fast überall die Verhältnisse so, daß wir uach der Materie zu steuern müssen, wenn wir im rechten Fahrwasser bleiben wollen. Denn anch der Strom des Geistes hat tote Arme, die zuletzt versanden. Man kann auch an Hypertrophie des Geistes sterben! Gönnen wir diesen modernen Tod unsern ästhetischen Herren und Salondamen. Besser ists wohl, robust im Ganzen zu leben!
Griechische Reiseskizzen
2. Athen
(Schluß)
uch wer für die griechische Baukunst und Bildhauerkunst wenig Sinn hat, kommt bei einer Besichtigung der Akropolis doch auf seine Rechnung. Denn es wartet hier seiner anch ein ganz unvergleichlicher Naturgenuß. Die Aussicht vom Rande der Akropolis ist an jedem Punkte schön, an zwei entgegengesetzten Stellen aber hinreißend und — man kann sagen — weltberühmt. Das ist erstens von dem kleinen Niketempelchen, das vor den Propyläen auf steilem Steinturme liegt. Wer unter den Säulen seiner Hinterhalle steht, der steht zwar hart am Abgrund und muß sich hüten, daß er nicht hinunterstürzt, wie es weiland König Agens, der Vater des Theseus, allerdings absichtlich, that, als er auf dem Schiffe, das ihm seinen Sohn zurückbrachte, statt des erhofften Weißen Segels ein schwarzes erblickte. Dafür schweift sein Auge über die grünen Olivenhaine der Kephissosebne bis zum Pirüus mit der Höhe von Munychia und dem schön geschwungnen Strande von Phaleron. Aus dem Meere steigen die Verginseln Ägina und Salamis auf, und dahinter bilden die zackigen Linien der argivischen und der arkadischen Gebirge den Horizont. Die Hauptreizc dieser Landschaft, wie fast aller griechischen Landschaften, sind die innige Vermählung von Meer und Land, die sich in unendlichem Wechsel gegenseitig durchdringen, die plastische Schärfe und Feinheit der Gebirgskonturen, und die Klarheit der Luft, die an schönen Tagen alle Schattierungen und Farben verstärkt und erhöht und alle Umrisse scharf ab- Grenzboten III 1902 19