30
Gustave Lharpentier
der Mehrzahl der katholischen Länder schuld sei. Diese Theorie leide aber an mehreren Fehlern; der Hauptfehler sei, „daß man Protestantismus und Katholizismus als zwei Hypostasen behandelt, die mit den Protestantischeu und den katholischen Völkern identifiziert werden uuter Nichtbeachtung der vielfältigen geschichtlichen, wirtschaftlichen, politischen, nationalen und persönlichen Kräfte, aus denen sich das reale Leben zusammensetzt." Die Katholiken werden besonders Stellen wie die folgende zu beachten haben: „Will die Neuscholastik eiufache Reprinistierung der Scholastik des Mittelalters sein, so verfällt sie einem doppelten Irrtum, einem historischen, indem sie eine, wenn auch uoch so wertvolle Periode der Theologie als deu Höhepunkt der ganzeu theologischen Geistesarbeit betrachtet, und einem theologischen, indem sie sich von der Anschauung beherrschen läßt, es könne eine Zeit geben, wo die Sonne der Wahrheit aufgehört hätte, jeden Menschen zu erleuchten, der in diese Welt kommt, uud es köune sich eine Geistesarbeit von nahezu 600 Jahren außerhalb der Bahnen der Vorsehung bewegen." Den Protestanten wird nützlich sein zu lesen, was er über den Liguoristurm sagt, den Katholiken die Darlegung, wie thöricht sie sind, wcuu sie für katholische Universitäten schwärmen. Daß die Katholiken ihr Möglichstes thun, die Blamage zu verdecken, die sich das Papsttum durch das vatikanische Konzil und die Unfehlbarkeitserklärung zugezogen hat, und daß auch Ehrhard die dadurch so arg bloßgestellte päpstliche Autorität zu retten sucht, das gehört zu deu Funktionen des Selbsterhaltungstriebes. Aber hoffentlich haben wenigstens die deutschen und die österreichischen Bischöfe erkannt, daß dieselbe kirchliche Partei, die den neunten Pins zu einer Reihe verhängnisvoller Schritte verleitet hat, auch an der gegenwärtigen Bedrängnis der katholischen Kirche schuld ist, und hoffentlich werden sie nicht zum zweitenmal aus verkehrter Sorge um die kirchliche Autorität jener Partei die erleuchteten Männer opfern, die einen gangbaren Ausweg aus den Wirrnisfen zeigen. L. I.
Gustave (Lharventier
«Line kritische Plauderei
>er Name Charpentier, vor einem Jahre in Deutschland kaum genannt, ist heute in aller Munde. Sein Musikroman „Luise" hat das Publikum förmlich trunken gemacht. In Hamburg, Breslau, Frankfurt und andern Städten wurden die Häuser ! gestürmt, und die Theaterdirektoren rieben sich vergnügt die Hände, namentlich die Herren Bittong-Bachur in der alten Hansestadt, die sich als ahnungsvolle Kunstkenner das Erstaufführungsrecht in Deutschland gesichert hatten. Ein wahrer Goldregen ging hernieder, und die Theaterkassen erlebten Tage, wie sie glänzender kaum waren, als Viktor Neßler die Bühne mit dem „Trompeter von Sttckingen" beglückte. Die Trompete Juug-Werners,