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Doktor Duttmüller und sein Freund : eine Geschichte aus der Gegenwart : neunzehntes Kapitel : Nachwirkungen
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Anlaß, denen zu zürnen, in deren Augen sie sich herabgesetzt sehen. Es ist ja mich das leichteste, über ein Unrecht wegzukommen, wenn man es auf andre abschiebt.

Alice fühlte das alles wohl, und das machte sie tief unglücklich. Sie sas; stundenlang an dem Bette ihres Kindchens mit heißen Augen und dachte und sann. Sie kam sich vor, als wenn sie ausgewandert wäre unter fremde Leute eines anders geartete» Volkes, von denen niemand ihre Sprache verstünde, von denen niemand fühlte, wie sie fühlte, und sie dürfte niemals wieder nach Hause zurück­kehren. Ins Tagebuch schrieb sie:

Dieses Blatt bleibt weiß, eigentlich müßte es schwarz sein. Armes Kind, dein Erbe an Glück wird klein.

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Allerlei aus Bayern. Die bayrischen politischen Verhältnisse haben in den letzten Jahren stetig eine Verschiebung nach rechts erfahren. Auch in Bayern ist dermalen das Zentrum Trumpf. Bei den Laudtagswcchleu im Jahre 1899 hat es zum erstenmal wieder in der Kammer der Abgeordneten die absolute Majo­rität erreicht. Die Ultrnmontcmen verdanken dies zum Teil dem Niedergang des Bauernbundes, der nach dem Sturze Bismnrcks unter den Wirkungen der Caprivi- schen Handelsverträge entstanden war, eine politische Macht zu werden versprach, dann aber infolge nicht geschickter Führung zurückging; sie verdanken dies weiter ihrem Pakte mit den Sozialdemokraten in München und in der Pfalz und der eigentümlichen Taktik der protestantischen Konservativen in eiuem überwiegend protestantische» Wahlkreise in Mittelfrnnken, wo diese dem Zentrum Kouzessioneu machten. Der Pakt des Zentrums mit den Sozialdemokraten entsprang dem Wille» der Ultramontancn, zur Macht zn kommen: deshalb »ahmen sie keinen Anstoß an denSozis," die man sonst in den klerikalen Arbeitervereine» bekämpft. Das Zentrum wollte für alle Fälle, wenn ei» Wechsel in der Regentschaft eintreten würde, eine gesicherte Mehrheit i» der Kammer haben. Die Hoffmmge» des Zentrums in dieser Richtung sind bekannt; es hofft auf den Nachfolger des jetzigen Prinzregenten. Ob sich diese Hoffnungen erfüllen werden, wird die Zukunft erweisen, keinesfalls werden aber die Aspirationen des Zentrunis iu der Zukunft geriuger werden. So lange Prinzregent Luitpold an, Leben ist, wird ein »ltra- moutanes Parteiministerium kaum berufeu werde», das weiß das Zentrum genau, und klug geworden durch die Ereignisse unter König Ludwig II., wird es einen förmlichen 'Ministersturz nicht mehr ins Werk setzen. Es hat auch keine Veran­lassung dazu uud gewinnt auch so ständig an Terrain. Das Ministeriuni Crnils- heim ist ein konservatives Geschäftsministeriuni, sucht allen Interessen der Bevölkerung gerecht zu werden und ist gewiß nicht dem Vorwurf ausgesetzt, den Ansprüchen der klerikalen Partei zu wenig entgegenzukommen. Die Zentrumspartei hat jetzt den Vorzug, in der Regel sachlich alles zu erreichen, was sie will, trägt aber keine Verantwortung dafür, die sie übernehmen müßte, wen» ein Ministerin»! ihrer Partei am Nuder wäre. Einzelne der bayrischen Staatsniinister sind schon zwanzig Jahre u»d darüber in ihrer Stellung; eine so lange Ministerthätigkeit sichert wohl die Kvutiuuität iu den eiuzelnen Gebiete« der Staatsverwaltung, kanu aber zu­weilen Verhältnisse, die einer gesetzgeberischen Regelung bedürfen, in eine» ge­wisse» Beharrungszustaud bringe». In Bayer» wird die Emführuug der all­gemeine» Einkommensteuer unerläßlich; die Einkommensverhältnisse der größcrn