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Drei Wiener Kunstbriefe
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Drei Wiener Kunstbriefe

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>uf der Heimkehr vom Süden, nachdem mir wochenlang keine deutsche Zeitung zu Gesicht gekommen war, traf ich mit einem Nachtzuge in Wien ein und geriet, am Ende eines erfrischenden Spazierganges im Freien, vor das Ausstellungsgebüude des ! Künstlervereins. Der lebhafte Zndrang lockte mich zu sehen, was diesesmal darin zu finden sei, nnd schnell entschlossen trat ich ein. Ich will versuchen, freimütig niederzuschreiben, was ich, ganz unbefangen von irgend einer Erwartung, bei diesem Besuch erlebt habe. Dann erst sollen sich einige Erwägungen anreihen, bei denen ich jeden Einblick in die sonstigen Besprechungen ferngehalten habe, da sie bei dieser zufälligen Gelegenheit zu vorurteilsfreier Beobachtung uur beirren konnten.

Die mittlere Glasthür mit ihren kleinen Scheiben gewährt, über die grünen Büsche hin, die erste überraschende Anschauung von einer hellen Ge­stalt darinnen noch ehe man durch einen der seitlichen Eingänge, von allerlei Vorkehrungen aufgehalten, selber hineingelaugt.

Unter dem kahlen Gewölbe mit Oberlicht sieht man mitten im Saal einen nackten Mann ans breitem Stuhl mit hoher Nücklchne dasitzen. Nach vorn gewandt, etwas gebeugt, den Kopf vorschiebend, legt er beide Arme auf das übergeschlagne Bein und ballt die Hände hinter einander zur Faust, beinahe als drückten sie auf die gespannten Muskeln gegen das erhobne Knie, auf desfen Höhe nur eben noch das weite Gewand hängen bleibt, das den untern Teil bis auf die Füße verhüllt. So zusammengenommen scheint der alternde Mann, durch einen Anblick vor ihm festgehalten, seines eigentlichen Vorhabens zu vergessen. Wir versucheu, auf Gruud dieser Anschauung uns Rechenschaft zu geben, was es sei, das ihn hierhergeführt habe, und was deu Entkleideten in solcher vorübergehenden Situation zu fesseln vermöge, ja zu solchem selbstvergessenen Anteil gefangen nehme. Wir pflegen ja nackte Männer mit einem Laken um die Beiue nur in Badeanstalten zu sehen. Und die kahle Umgebung des Bildwerks, die Forin und die Beleuchtung der Halle zwingen uns, an einen jener Thermenräume zu denken, wo sich dieser Alte ausgezogen und mit wüstem Haar auf eine Bank niedergelassen hat, um sich vor dem Bade lieber abzukühlen. Vom Oberkörper ist schon die letzte Hülle gefallen, und er würde gewiß bald ins Wasser steigen, wenn nicht das Schauspiel ihn noch abzöge, das er vor sich sieht. Und dieses, was kann es anderes sein, als ein Ningkampf oder ein Angriff mit den Fünften zwischen jungen Ge­sellen? Denn im Zuschauen ballen sich unbewußt auch seine Hände zur Faust,