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360 Das evangelische Stift zu Tübingen

Es liegt znm Schluß nahe, die Frage aufzuwerfen, wer denn von den Kardinälen die meisten Aussichten habe, den Stuhl St. Petri nach Leo XIII. zu besteigen. So oft anch Voranssagnngen über den küuftigen Papst gemacht worden sind, so selten sind sie eingetroffen. Ein altes Sprichwort sagt, daß wer als Papst in das Konklave einzieht, als Kardinal wieder heraus kommt. Eine seltne Ausnahme ist die Wahl Leos XIII. gewesen, der schvu mehrere Jahre vorher von drei italienischen Schriftstellern, Pnppalettere, Bonghi uud de Cesare, übereinstimmend als Nachfolger von Pius IX. bezeichnet worden war. Eine solche Prophezeiung setzt aber eine ganz genaue Kenntnis der vatikanischen Kreise und Stimmungen voraus, die dem Verfasser dieser Zeilen vollkommen fehlt. Nur soviel sei erwähnt, daß in der letzten Zeit unter andern besonders die Kardinäle Svampa, der Erzbischof von Bologna, Sarto, der Erzbischof von Venedig, ferner Vanutelli, Parocchi und endlich Gotti, ein Karmeliter­mönch, als v^xadilss, d. h. als Kandidaten für die Pnpstwürde genannt wurden: wie man sieht, ganz im Einklang mit dem, was wir eben ausgeführt haben, nur Italiener.

vortmnnd Ludwig Norden

Das evangelische ^>tift zu Tübingen von der Reformation bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts

von Albert Landenberger (Rirchheim unter Teck)

las evangelische Stift in Tübingen, diese alte, aber hente noch blühende Bildungsstätte der württembergischeu Theologen, die nicht bloß ans die Entwicklung der Theologie uud der Kirche dieses Landes, sondern auch auf den Gang der wiirttembergischen Geschichte überhaupt einen großen Einflnß ausgeübt hat, verdankt seinen Ursprung der Einführung der Reformation in Württemberg. Als Herzog Ulrich durch die siegreiche Schlacht bei Lausfen sein Land zurückerobert hatte, war für ihn die Reformation der Klöster und der Stifte eine der wichtigsten, aber auch eine der schwierigsten Aufgaben seiner Regierung. Ebenso schwierig war die Reformation der Universität und der Schulen. Widerwillig hatte sich die Universität Tübingen uach der Entlassung der altgläubigen Theologen in die neue Ordnung gefügt. Der Rat Melanchthons und die organisatorische Thätigkeit von Johannes Brenz, den der Herzog ans einige Zeit nach Tübingen berief, halfen dem Herzog, die Universität nach den Grundsätzen des Protestan­tismus allmählich umgestalten. Der Herzog beabsichtigte dabei nach dem Mar­burger Vorbild die Gründung einer Stipendiatenanstalt, nicht bloß um Theo­logen, sondern überhaupt um tüchtige Beamte für sein Land hercmzuziehn. Er errichtete zu diesem Zweck im Jahre 1537 eine Stiftung, die von den einzelnen Städten und Ämtern des Landes unterstützt werden mußte. Arme, gottes-