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Doktor Duttmüller und sein Freund : eine Geschichte aus der Gegenwart : sechstes Kapitel : Allice
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Doktor Duttmüller und sein Freund

Line Geschichte ans der Gegenwart von Fritz Anders (Max Allihn)

Sechstes Rapitel Alice

irau von Nienhagen hatte wieder einmal ihr allgemeines Leiden, so hatte der neue Herr Doktor täglich Gelegenheit, eine Stunde im Fronhvfe zu weilen, die Klagen der gnädigen Frau entgegen­zunehmen und ihre sonstigen längern Betrachtungen anzuhören. Da' er dies nicht allein mit großer Aufmerksamkeit nnd Geduld that, I sondern mit sichtlicher Befriedigung wie einer, der seine Zeit gut anwendet und dadurch unterschied er sich auf das vorteilhafteste von dem alten Blume, der immer schon nach der Thür schaute, wem: er sich kaum niedergelassen hatte> so stieg er täglich in der Gnade bei der gnädigen Fra», und es währte nicht lange, so gehörte der Herr Doktor zu den Personen, über die sie ihre längerit Betrachtungen anzustellen pflegte. Das war eine Auszeichnung. Der Herr Oberst­leutnant genoß diese Auszeichnung nicht.

Frau von Nienhagen also saß imDrawingroom" in ihrem Lehnsessel, drückte den Stiel ihrer Lorgnette an das Kinn und sah nachdenklich in sich hinein. Bor ihr saß Doktor Duttmüller in aufmerksamer Haltung, den Cylinder in der Hand haltend.

Die Stellung einer Mutter ihren Töchtern gegenüber, sagte die gnädige Frau, ist die der ältern Freundin, nicht wahr? So habe ich es stets gehalten. Ich habe stets mit meinen Töchtern alles beraten und gefühlt. Ich habe stets ihre Angelegenheiten angesehen, als wären es die meinen; ich habe es für meine Pflicht gehalten, mit meinen Gedanken in ihr Wesen einzudringen. O, ich kenne meine Töchter.

Doktor Duttmüller verbeugte sich auf seiuem Stuhl und fand das eben so natürlich wie lobenswert.

Ellen ist ein Kind, fuhr die gnädige Frau fort, Ellen ist thöricht, Ellen hat sich mir nie so attachiert wie ihrem Vater, was ich unbegreiflich finde.

Duttmüller fand es gleichfalls unbegreiflich. '

Ellen kann nichts ernst nehmen. Ich habe Sorge, wie sie den Weg durchs Leben finden wird. Aber Alice ist ein verständiges Mädchen. Sie steht stets auf Jorks Seite. Oder daß ich nicht zu viel sage, sie widerspricht nie dem, was ich zum Lobe Aorks sage. Alice ist ein Mädchen ungewöhnlicher Art. Sie hat den Schwuug des Geistes, den ich hatte, als ich jung war. Sie ist eine durchaus vornehme Natur. Sie faßt nichts Gemeines an, sie würde nie ihre Freude daran haben, mit dem Personal zu scherzen. Sie hat ihre Kunst, ihre Bücher und Schriften, darinnen ist sie glücklich, darin ist sie voll befriedigt. Können Sie sich Alice an der Waschwanne oder am Krankenbette denken?

Duttmüller konnte sichs nicht denken.

Arbeiten müssen ums tägliche Brot würde sie töten. Ihr Blick ist in die Welt der Ideale gerichtet. Sehen Sie, das liebe ich so sehr an Alice, daß sie so durchsichtig ist. Mau liest in ihrer Seele wie in einem aufgeschlagnen Buche. Sie