Molfenbüttel und Lessings Lmilia Galotti
311
kenntnisvermögens hervorgehn, die Weisheit und ihre Verwandtinncn. vermitteln das höchste Glück, dessen der Mensch fähig ist, das Schallen der Wahrheit. Doch lehrt er die Güter niedrer Ordnung nicht verachteil, sondern als Mittel zur Erringung der höchsten Güter innerhalb der Grenzen der Gerechtigkeit und Müßigung erstreben und verstündig gebrauchen. Hatte Plcito die ungeordnete Selbstliebe als die Wurzel alles Bösen erkannt, so lehrte Aristoteles genauer, daß die geordnete Selbstliebe mit der pflichtmüßigen Sorge für die andern identisch sei und die Aufopferung für Freunde und Vaterland nicht aus- sondern einschließe. Von der Ehe hat er den würdigsten Begriff. Der Naturtrieb zwar führe die Gatten zusammen, aber ihre Verbindung solle den sittlichen Charakter der Freundschaft, des Wohlwollens und der gegenseitigen Dienstleistung annehmen. Indem Mann lind Weib in einigen: gleich, in anderm verschieden sind, sind sie ergünzungsbedürftig, zugleich aber befähigt, die Ergänzung durch freie Vereinigung zu vollziehn. Wo die Weiber Sklavinnen sind. da. meint Aristoteles, sind auch die Männer Sklaven, denn der Frele kann nur mit einem Freien Verbindungen eingehn.
Es braucht nicht ausführlich nachgewiesen zu werden, daß der Gedankenkreis der drei großen Hellenen den ganzen Stoff für die christliche Theologle und die idealistische Philosophie der christlichen Zeit enthält. Auch die Grnnd- züge einer Abfall- und Erlösungslehrc fehlen nicht, wenn sie auch mehr auf die gnostische als auf die paulinische Ausgestaltung hinweisen. Daß namentlich die Philosophie Platos voller Unklarheiten, Widersprüche uud ungelöster Probleine ist, werden wir ihr nicht als Sünde anrechnen; der Mann hat wahrlich genug geleistet, der alle die Probleme aufgestellt und alle die Widersprüche aufgedeckt hat, an deren Lösung sich die Philosophen bis heute vergebens abarbeiten. Was Aristoteles als Begründer der Einzelwissenschaften geleistet hat. gehört nicht zu unserm Thema; deshalb hatten wir auch die in gleicher Richtung tätigen unter den griechischen Philosophen und Gelehrten, wie die Pythagorüer, Demokrit und die großen Mathematiker, Astronomen und Geographen überhaupt nicht zu erwähnen.
IVolfenbüttel und Lessings Gmilia Galotti
von C>. von Heine mann
or kurzem hat die Frankfurter Zeitung in ihrem Feuilleton (Nr. 312 und 314) einen Aufsatz von Robert Kohlrausch (München) unter dem Titel: „In Emilia Galottis Heimat. Bilder aus Wolfenbüttel und Guastalla" veröffentlicht. Dieser -I Aufsatz zieht eine Parallele zwischen den beiden genannten Städten, die landschaftlich wie geschichtlich wenig oder gar nichts miteinander gemein haben. Daß beide zu den kleinern Städten gehören, daß sie „einsam und still» sind, berechtigt doch schwerlich zu einer solchen Vergleichnng. und