72
Unser Kaiser und die Kunst
Schar von freihcitschwärmenden jungen Männern, die für ihre persönlichen Ideale in der russischen Gesellschaft nirgends einen festen Untergrund vorfanden. Zwischen ihnen und dein alten Nußland lag das Werk Peters des Großen — die Vernichtung der ständischen Gewalten. So hat der Dczemberaufstcmd den Charakter einer Revolte, nicht den einer Erhebung der russischen Gesellschaft. Dasselbe gilt auch von den zahlreichen spätern Verschwörungen und Aufstanden, sowie von den nihilistischen und anarchistischen Attentaten. Sie find die Symptome einer tiefen Unzufriedenheit, häufig auch der Ausfluß perfönlicher Rache und persönliche!? Hasses, und in den letzten Jahrzehnten können wir auch die Wirksamkeit sozialistischer Theorie» verfolgen. Turgenjew hat in seinen sozialen Romanen den Typus der russischen Weltverbesserer ohne Saft und Kraft, ohne festen Ausgangspuukt und ohne klares Endziel mit Meisterhand gezeichnet. Vergeblich suchen wir auch heute nach einer Partei, deren Programme nicht nur den Umsturz der bestehenden Ordnung forderten, sondern auch die Herstellung eines Neubaues verbürgten. Die Schwärmerei für staatsbürgerliche Freiheit hat noch keinem Volke dauernd zur Bestimmung seiner Geschicke ver- holfeu, so lauge ihm die Fähigkeit fehlte, die Zügel zu erfassen und festzuhalten. Wo in Europa die beschränkte Monarchie den Absolutismus abgelöst hat, da finden wir überall einen in der Schule der ständischen oder kommunalen Selbstverwaltung emporgewachsenen Stand, eine einflußreiche Bevölke- ruugsschicht, die oft unter harten Kämpfen das Recht zur Ordnung ihrer Angelegenheiten erst auf begrenztem Gebiet hat erwerben müssen, bevor sie an die staatliche Selbstverwaltung herantreten konnte. Ein solcher Stand fehlt in Nußland. Die Ansätze waren einmal gegeben, aber die petrinischen Reformen haben sie vernichtet. In dieser Thatsache liegt noch heute die stärkste Stütze der unbeschränkten Selbstherrschaft.
Unser Kaiser und die Kunst
ls der Kaiser an festlicher Tafel seinen Vildhnnern für ihre Arbeit an einem großen, nuu vollendeten Werke dankte, griff er iu der Freude seines Herzens das Lob so hoch, daß er meinte, nun stehe die Berliner Schule auf eiuer Höhe wie einst die Plastik !zur Zeit der Renaissance. Er ist mehr als ein fürstlicher Liebhaber der Kunst, das wird ihm jeder lassen, denn er kennt ihre Geschichte nnd hat einen selbständigen Geschmack und auch ein sehr weitgehendes praktisches Interesse, wenn es sich darum handelt, anzuregen und zu unterstützen. Manche gehn weiter und erzählen von der treffenden Sicherheit seines Urteils, das ihn zu einem wirklichen Kenner mache, und auch in dein Echo der Zeitungsstimmen, das seine letzte Rede geweckt hat, wird er noch ein gründlicher Kenner der