Was wir lesen
it der Jahr für Jahr steigenden Flut der Romane und der Dichtungen, der belehrenden und der unterhaltenden Werke aus allen Fächern des Wissens wächst für eine Wochenschrift, die ihren Lesern eine gewissenhafte Beraterin sein möchte, die Schwierigkeit der Aufgabe. Die Tageszeitungen haben schon lange stehende Rubriken mit Berichten, die jedes Buch mit einigen Zeilen und in immer wiederkehrenden Wendungen abthun, erweiterte Buchhändleranzeigeu also, Ankündigungen und Empfehlungen aus gutem Glauben, denn zum Lesen und vollends zum Abfassen begründeter Urteile reicht jn keines Berichterstatters Zeit mehr hin, auch die meisten periodischen Journale begnügen sich mehr und mehr mit Anzeigen, zu deren Herstellung es der Lektüre eines Buchs nicht bedarf, und die eigentlichen Nezensionsblütter sind schon, um für möglichst vieles Nmnn zu schaffen, genötigt, ihre Artikel immer knapper zu fassen. Die Grenzboten haben sich jederzeit bemüht, in ihren Bücherbesprechungen den Lesern möglichst viel zu gebeu, nicht nur Urteile, sondern auch Mitteilungen aus dem Inhalt, sie haben lieber weniges ausführlich, als vieles oberflächlich behandeln wollen, uud sie haben das Gute gesncht, wo es nur zu finden war, sich das Schlechte aber und das Mittelmäßige und Unbedeutende uach Möglichkeit fern gehalten. Sie haben die Freude gehabt, sich oftmals verstanden zu sehen nnd manchmal auch etwas Nützliches zu stiften, und das soll, so hoffen wir, auch hinfort geschehn. Allen es recht zu machen, ist unmöglich; ein Blatt wie das unsre soll etwas wie eine Person sein, ein Mensch mit seinem Willen nnd mich mit seinen Schwächen. Unsre Freunde werden uns zu finden wissen, und wir wollen uns zu den alten neue erwerben. Diesen möchten wir vor allem gern sagen, was sie von uns an der Schwelle eines nenen Jahrzehnts zu erwarten haben.
Was wir also lesen? Zunächst mindestens zehn-, zwanzig-uud dreißigmal »lehr, als worüber wir zn schreiben uns schließlich anschicken, denn alles, auch was uns der Zufall auf den Tisch wirft, sehen wir, wenn es uicht gar zu einfältig ist, wenigstens mit Aufmerksamkeit durch. Nun ließe sich schlechtes, lächerliches Zeug leicht abschlachten, manchmal in recht lustiger Weise, aber was hätte der Leser davon? Wo sich das Ungehörige einmal zu weit vorhängt und durch laute Unverschämtheit Schaden anrichten tvunte, mag mancher gegenüber einer rechtschaffnen Abfertigung ein Gefühl von Genugthuung haben, dns besser ist als Schadenfreude, aber im ganzen ist es kein sehr edles Verzügen, sich auf eines andern Kosten zn belustigen, und lauge wird kein ernsthaftes Publikum an solchen Scherzen Gefallen finden. Auch die Kritik überhaupt, die sachliche, wenn sie bloß zu tadeln hat, nützt vielleicht iu einzelnen