Gine neue Glaubenslehre
von Carl Willing (Schluß)
!it liebevoller Sorgfalt stellt Ziegler dann ans den synoptischen Evangelien eine Reihe von Zügen zusammen, die nach seiner Meinung offenbar besonders geeignet sind, den Heiland den modernen Menschen mit ihrem hauptsächlich ans Erkenntnis und I Bcherrschnng der Außenwelt gerichteten Streben menschlich nahe zu bringen. „Er kennt, sagt er (S. 53), nicht nur die Vogel des Himmels und ihren Preis unter den Menschen, die Füchse i» ihren Löchern und die Wölfe als Feinde der Schafe, die Gräser und Lilien des Feldes mit ihrem kostbaren Schmuck, den Menschenkunst uie erreiche« kann. Er hat auch den Ackersmann bei seiner Arbeit des Pslügens, Säcus, Erntens, die Fischer beim Auswerfen und Einziehn der Netze, die Hirten, die hingebend jedem Verlornen Schaf nachgehn, den Kaufmann mit seinem für den höchsten Preis der Perlen geschulten Auge beobachtet. Ihm ist die Bedeutung des Salzes für die Bereitung und Bewahrung der Speisen, des Sauerteigs für jede Bereitung von genießbarer Backware, des hoch ans den Leuchter gestellten Lichts im Hanse Wohl bekannt. Jesns steht mitten im wirklichen Leben, als Hnndwcrkersohn und selber als Handwerker, als Sohn seines Volks, das er liebt mit dem seligen Bewußtsein, ihm selber ganz anzugehören. Mit den höchsten Geistern in Israel preist er Gott dafür, daß er in Jerusalem die Stadt des große» Königs, im Tempel das Heiligtum seiuer Anbetung, in dem Volke selbst das Salz der Erde, das Licht der Welt, den Träger der höchsten Aufgabe für alle Menschen habe, selbst diesem Volke mit Leib und Leben angehöre nnd für die Erfüllung seiner Aufgabe ganz nnd gar bestimmt sei."
Die volle Konsequenz dieser Auffassnug von Jesu würde erfordern, daß der Heiland auch — abgesehen natürlich von den Punkten, wo das Gegenteil ansdrücklich bezeugt wird — durchaus die Weltanschauung seiner Zeit geteilt und deshalb auch Vorstelluugcu gehegt habe, die dem modernen Menschen als falsch erscheinen müssen. Ob Ziegler diese Konseqnenz in vollem Umfange gezogen hat, ist nicht ganz klar, da er sich nicht darüber anSspricht, ob nach seiner Meinung Jesus die „damalige Zeitvorstellung" (S. 72) von der Existenz böser Geister nnd ihres Obersten Beelzebub bloß unwidersprochen gelassen oder cmch selbst geteilt hat; doch ist er wenigstens insofern völlig konsequent, als er die auf der alttestamentlichen Offenbarung beruhende Gottesvorstellnng des