Zur neuen Kanalvorlage
ie neue Kaualvorlage, oder wie man sie offiziös nennt: „die lvasserlvirtschaftliche Vorlage"^) ist im preußischen Abgeordneten- Hause in erster Lesung mit einer vou vornherein zu erwartenden Reserve beraten und einer Kommission zur weitern Verarbeitung überwiesen worden. Wann nnd in welcher Gestalt sie aus den Komnüssionsberatungen hervorgehn wird, darüber erlaubt die Plenarverhand- lung so gut wie keine Schlüsse, Wenn auch selbstverständlich uach dem weitgehenden Entgegenkommen, zu dem sich die Krone den kanalgegnerischen Mehrheitsparteien gegenüber seit der Ablehnung der ersten Vorlage bereit gefunden hat, der Ton der Opposition etwas friedlicher nnd freuudlicher war als 1899, so haben sich ihre Redner doch gehütet, auch nur deu guten Willen zur Bewilligung der Hauptsache, des Mittellandkanals, irgendwie anzudeuten. Wir sind auch jetzt überzeugt, daß der Kanal doch gebaut wird, und es bestimmen uns dazu heute wie vor zwei Jahren die bisher uuwiderlegten sachlichen Gründe, die die Staatsregierung schon damals ins Treffen geführt und setzt uach eingehender Nachprüfung wiederholt hat, nicht aber irgend welche Veränderung iu der Stellung der Parteien zu der Sache oder etwa gar die in der neuen Vorlage angewandte veränderte Taktik der Regierung,
Der Inhalt des neuen Gesetzentwurfs ist iu der Hauptsache folgender: Die Gesamtsumme der Geldmittel, zu deren Aufwendung die Staatsregieruug die Ermächtigung nachsucht, beläuft sich auf 389019700 Mark, während in der Kanalvorlage von 1898/99 nur 260784000 Mark verlangt wnrden. Es werden also jetzt 128226700 Mark mehr gefordert. Dem Verwendungszweck nach zerfallen die Forderungen in zwei Gruppen, die scharf unterschieden werden müssen.
Die erste Gruppe betrifft die Herstellung und Verbesserung von Wasserstraßen, und zwar 1, des Rhein-Elbekanals mit 260784700 Mark; 2, des Großschiffahrtswegs Berlin-Stettin mit 41500000 Mark; 3, der Wasserstraße zwischen Oder und Weichsel sowie der Schiffahrtsstraße der Warthe Uvu der Mündung der Netze bis Posen mit 22631000 Mark; 4, des Schiffahrtwegs zwischen Schlesien und dem Oder-Spreckanal mit 4100000 Mark, Das sind zusammen 329015700 Mark, wovon die nnter 1 geforderte Summe mit der Gesamtforderuug der Kanalvorlage von
*) Sympher, Die wasserwirtschaftliche Borlage. Berlin, Mittler und Sohn, 1901. Eine fast wörtliche Wiedergabe der amtlichen Drucksachen.