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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

des Königs Kunstliebhabercicn wird ein hartes Urteil von David Strnnß mitgeteilt, und es ist jn wahr, der König hatte keinen gewählten Geschmack, aber die meisten seiner hohen Zeitgenossen hatten gar keinen, vielleicht sogar alle, wenn man Friedrich Wilhelm IV. und Lndwig von Bayern ausuimmt. So war es denn für die Stadt und das Baugewerbe mit allem sich daran anschließenden Handwerk doch von Vor­teil, daß sich der König für denkbar Verschiedncs erwärmen ließ. Das griechische Mansvleum, das römisch-italienische Schloß Rvsenstein, Zanths maurische Wilhelma und .der Köuigsbnu, aus dem Leius machte, was möglich war das ist gewiß schon vielerlei. Aber dazu kommen noch Gegcnbanrs Fresken aus der württcm- bergischen Geschichte im Nesidenzschloß, Marmorstatuen die schwere Menge für Schlösser und Gärten und Glasmalereien für die Stiftskirche, außerdem hatte Leins, noch ehe er den Köuigsbau übernahm, für den Kronprinzen eine Musterleistung im Neuaissancestil geliefert, die Villa Berg. Was das für die Schulung aller Kräfte bedeutet, haben erst die sechziger und siebziger Jahre gezeigt, als Bauwerk auf Banwerk entstand, und das Stuttgarter Polytechnikum seinen großen Ruf gewann; Bischer und Lüble wurden nun die Kuustprvpheten. Das fällt nicht mehr in das Dnrstellnngsgcbiet des Verfassers, der uns noch vieles mitteilt über die Pflege der Kunst durch die Vereine und über die unter König Wilhelm errichtete Kunstschule, über die Gründung des Museums nud die einst in der Stadt vorhandueu Privnt- sammlungcn. Man sieht, da floß vieles zusammen, was anregen und Freude mache» konnte. Ein Hauptverdienst dieser Zeit war, daß die alten schwäbischen Bilder ihrer Heimat erhalten blieben, daß man ihre schlichte Schönheit noch ehrte in der autiken und in der italienischen Prnnkwelt. Seit 1819 waren auch die Brüder Boisseröe mit ihrer berühmten Sammlung nach Stuttgart übergesiedelt. Der König gab eiu Gebäude, der Staat übernahm die Verwaltungskostcn, und jedermann freute sich an den wundervollen Sachen, besonders mich die Hotelwirte, da es nun doch für die Fremden außer Dcmneckers Atelier noch etwas zu sehen gab. Hier ent­standen auch damals die wohl noch manchem von uns bekannten vortrefflichen litho­graphischen Nachbildungen des Münchners Strixner. Schließlich kaufte König Ludwig die Boissereeschen Bilder (1827), die ja heute in der Pinakothek hängen, nicht weil er den bessern Geschmack, sondern weil er das meiste Geld hatte, denn den Wert dieser Kunst erkannte mau iu Stuttgart ebensogut, aber daß man für eine bloß zum Ansehen dienliche Sache über 29000t) Gulden ausgeben könnte, war ungehcnerlich zu denken. Sollten also Daunecker und Wächter in ihrem Gut­achten dieseiu Mode gekommne sogenannte neudeutsche oder nenaltertümliche Kunst" dem .Könige als Muster zur Geschmacksbildnng für Polytechnikum uud Kuustschule empfehlen? Heute wäre vielleicht mancher Kuuftprofessor dazu fähig, aber jene Männer hatten ohne Frage recht, und es ist hübsch, daß uns der Ver­fasser die Akten vorlegt und erzählt, wie sich das alles zugetragen hat. Wir wollen aber keine Einzelheiten mehr häufen, sundern nnr noch sagen, daß der Ver­fasser wohl daran gethan hat, sich nicht viel mit Wertbestimmungcn und allgemeinen Urteilen abzugeben, daß er uns vielmehr historisch zeigt, was die Dinge, von denen er handelt, ihrer Zeit genützt haben.Nach dem Jahre 1800 kann man von einer Stuttgarter Kunst im eigentlichen Sinne nicht mehr sprechen, sie hat ihren speziellen württembcrgischeu Charakter verloren." Gewiß, aber Stuttgart bedeutet heute geistig uud künstlerisch so viel mehr als manche andre deutsche Stadt, die doch das beginnende vorige Jahrhundert eher mit bessern Aussichten angetreten hat, z. B. Kassel, Hannover oder Darmstndt, daß derVerlust" nur grammatisch zu nehmen ist. Zl. p.

Herausgegeben von Johannes Grunow in Leipzig Verlag von Fr. Will). Grunow in Leipzig. - Druck von Carl Marquart iu Leipzig