Katholische Inferiorität und ultramontane Parität
Deutschland war krank im Süden und Norden, Wär aus sich selbst schon gesund geworden; Da kam ein Arzt ihm überzwcrch, Das war der Doktor von Wittenberg, Der schnitts ganz kühn in zwei Halben.
o singt der klerikale Dichter Friedrich Wilhelm Weber, der Verfasser von „Drcizehnliuden." An diesem klerikalen Saug ist I zunächst unwahr die Behauptung, daß Luther Deutschland iu „zwei Halben" zerschnitten habe; vielmehr waren beim Tvde >Luthers volle uenn Zehntel des damaligeu „heiligen römischen ichs deutscher Nativn" protestantisch; gänzlich unberührt vom Protestantisinus waren nur noch Tirol uud Oberbahcrn; aber auch diese Teile hatten sich, da die Bewegung immer noch im Wachsen war, ans die Dauer nicht halten können, und so standen damals alle Länder deutscher Zunge im Begriff, protestantisch zu werdeil. Unbegründet ist demnach auch der in dem klerikalen Gesang ent- haltne Vorwurf, daß die heute in Deutschland bestehende konfessionelle Spaltung durch Luther verschuldet sei. Daran, daß Deutschland heute thatsächlich konfessionell gespalten ist, sind vielmehr die Jesuiten schuld, die zuerst im Jahre 1551 in Deutschland ankamen, bald ganz Deutschland überschwemmten und in der sogenannten „Gegenreformation" — bald im Bunde mit der Staatsgewalt, bald im Gegensatz zn ihr — vom Protestantismus die Hälfte seines Gebiets zurückeroberten, sodaß Dentschland bei dem Ansbruch des Dreißigstihrigen Krieges wirklich in „zwei Halben" gespalten war. Ohne die jesuitische Gegenreformation wäre Deutschland heute iu derselben glücklicheil Lage wie England, Schottland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Holland, d. h. es wäre uicht konfessionell gespalten. Die Klerikalen sollten daher endlich nufhöreu, dem „Doktor vou Wittenberg" vorzuwerfen, daß er die bedauerlicherweise bestehende konfessionelle Spaltung Deutschlands verschuldet habe.
Am meisten reizt aber zum Widerspruch die Behauptung des klerikalen Sängers, daß das damals im Norden und Süden kranke Deutschland „ans sich selbst" gesnnd geworden wäre. Wäre der „Dvktvr von Wittenberg" uicht aufgetreten, so wäre Deutschland „aus sich selbst" ebenso gesund geworden, wie Spanien, Portugal, Italien, Belgien, die südamerikanischen Staaten, das selige Köuigreich Polen, der selige Kirchenstaat uud — wenn auch in etwas abgeschwächter Art — Österreich und Frankreich aus sich selbst gesund ge-