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Deutschtum oder Polentum :
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des heute maßgebenden Bevvlkerungsteils des preußischenPoleutums" be­schlossen, und gegen einen solchen sich aus den vulgärsten Regungen im Leben des Volks ergebenden Beweis ist kein Wort zu sagen,

Deutsche Art ist nun, sich einer ethischen Idee nicht uur mit der hin­reißenden Leidenschaftlichkeit des ersten Eindrucks, souderu mit tief innerlicher Überzeugung hinzugeben, in ihr nicht nur mit kurz verfliegendem Enthusiasmus, sondern mit voller Seele aufzugehn und an ihre Verwirklichung mit eiserner Beharrlichkeit Leib und Leben zu setzeu. Und solche deutsche Weise ist es gewesen, was die bürgerliche Gesellschaft polnischer Zunge im Reiche getrieben hat und noch treibt, an die Verwirklichung der großpolnischen Idee ihr alles zu setzen. Gerade in den Jahren nämlich, als die noch polnisch redende mittlere Klasse der Bevölkerung in den Ostprovinzen innerlich zn wahrein deutschein Bürgertum geworden war, kam das Nationalitätspriuzip zu seiner Herrschaft über die Geister. Es wurde auch iu diesem Bürgertum znr herrschenden Idee. Eine verhängnisvolle Wendung! Was danach kommen mnßtc, knin.

Daspolnische" Volk Preußens hatte sich seit der fridericianischeu Zeit dem zwingenden Znge der an ihm wirkenden Knlturentwicklung zufolge und in instinktiv richtigem Erfassen der geschichtlichen Notwendigkeit immer mehr des polirischen Wesens eutschlagen. Sein Leben in Fühlen und Denken, Wollen und Wirken hatte sich dem in ihm lebendigen innern Dränge gemäß zu einem deutsche» umgestaltet. Die polnische Sprache begann der deutschen zu weichen. Am stärksten trat diese Knlturbewegung beim Mittelstand hervor. Er ist sogar kurz vor dem Umschwünge, der unter der Einwirkung des Nationalitätsprinzips eingetreten ist, als im großen und ganzen germanisiert angesehen worden. Gefehlt hat an dem Abschluß des großen weltgeschichtlichen Vorgangs bei ihm nur eins: daß die neuen Deutschen im Osteil nicht zum Bewußtsein dessen gekommen sind, was im tiefsten Innern mit ihnen vorgegangen war, wie von Grnnd aus und warum sie deutsch geworden waren. So blieb bei ihnen die Ansicht, die sich ja auch mit den äußerlichen Thatsachen ihrer Herkunft und ihres noch von den Stockpolen gesprochnen Idioms deckt, herrschend, daß sie, vom nationalen Standpunkt ans betrachtet, Polen wären. Das alles zusammen hat ein ganz seltsames Ergebnis gezeitigt. Nicht uur begann derpolnische" Mittelstand, indem, er sich, genau wie das übrige, altdeutsche Bürgertum des Reichs, dem allgemeinen Glauben an das gefeierte Nationalitätsprinzip hingab, mit scharfer Betonung von seinem Polentum und seiner nationalen Pflicht zn dessen Hvch- hnltung zu sprechen, sondern er ging zugleich daran, sein neues Bekenntnis zum Polentum in einer diesem sonst fremd gewesenen Weise praktisch zu be­thätigen. Die Richtung, die daspolnische" Bürgertum Preußens damals ein­geschlagen hat, hat es dann im nationalen Konkurrenzkampf mit dem offiziellen Deutschtum beharrlich weiter verfolgt, und so ist es geschehn, daß ein Volks­teil des Reichs, der seinem ganzen Wesen nach deutsch geworden war, uuter dem Einfluß einer bmmleu Äußerlichkeit, des Nativnalitätsprinzips, dazu gekommen ist, gegen das Deutschtum Stellung zu nehmen und sich zum Schild-