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WAK
Künstlermysti?
!in neuer Nietzsche ist unter uns aufgestanden! Er heißt Rudolf Kaßner und redet mystisch, symbolistisch dunkel in Antithesen, Widersprüchen und Pnradoxien, hie und dn im Prophetentone,") Ob ihn die „Moderne" über, unter oder neben Nietzsche stellen Iwird, weiß man noch nicht, was mich anbetrifft, so ist er mir lieber als Nietzsche. Er erklärt Gott nicht für abgesetzt oder tot wie Nietzsche, der sich, wenn bei ihm von Folgerichtigkeit die Rede sein konnte, eigentlich zum plumpen Materialismus der Darwinianer bekennen müßte. Er stellt die Bibel sehr hoch, erwähnt den bedeutenden Einfluß, den sie in England auf die Dichter übt, und schreibt: „Der Stil der Bibel ist das großartigste Vorbild einer vollkommnen Vereinigung von Pathos und Sinnlichkeit," was eine sehr gute Charakteristik ist, denn in der That vereinigt die Bibel die Anschaulichkeit Homers mit einem Pathos, das hoch über dein der griechischen Tragiker steht. Und Kaßner wird kein Unheil anrichten wie Nietzsche. Ob diesen alle die Leute, die ihn, weil er Mode ist, kaufen, auch wirklich durch- lescn, erscheint mir sehr fraglich, aber seine berühmtesten Sachen lassen sich durchblättern, weil sie aus Aphorismen bestehn; unter diesen findet der Blätternde hie und da einen, den er versteht, und jedenfalls sind einige seiner aphoristischen Ornkelsprüchc geflügelte Worte geworden, die „die Moderne" in ihr Glaubensbekenntnis aufgenommen hat, sodaß sie auf die Waffen wirken. In Kaßner, der, wie Nietzsche in seinen jünger» Jahren, zusammenhängende Aufsätze giebt, wird weniger geblättert werden, und ihn zu lesen werden nur wenige die Geduld haben, obgleich in seinem mystischen Nebellande manche auch für gewöhnliche Menschenkinder genießbare Frucht gedeiht. Endlich und vor allem: Kaßner maßt sich nicht an, die Welt umgestalten zu wollen. Daß Nietzsche sich selbst für eine Art Erlöser gehalten hat und auf das Lebeu einwirken wollte, erkennt auch jener an, indem er z. B. von dem allermodernsten Menschen, den die Modernen träumen, Seite 187 sagt: „Goethe hat ihn schon geahnt, und Nietzsche hat ihn aus den Träumen ins Leben führen wollen — er heißt bei ihm der Übermensch." Unser neuer Nietzsche hält sich bescheident- lich innerhalb des litterarischen Gebiets und kümmert sich um das Leben gar
*) Die Mystik, die Künstler und das Leben, über englische Dicht« und Mnler im neunzehnten Jahrhundert. Morde. Leipzig, Eugen Diederichs, 1900. Die Ausstattung ist die altertümliche, die dieser Verlag pflegt.