Religion und Dolk in (Lhina
s giebt in China drei Neligionssysteme, nämlich die alte chinesische Religion, denTaoismus und den Buddhismus. Die alte chinesische Religion nimmt drei Grundwesen an: den Himmel, die Erde nnd den Menschen. Über alles erhebt sich und breitet sich aus der erhabne Himmel, der Schang-ti oder der obere Kaiser genannt wird. Demnächst folgt die Erde, die alles trägt und nährt und daher als Fürst bezeichnet wird. Die Wechselwirkung von Himmel und Erde bringt alle Dinge hervor, so auch den Menschen. Als das einzige vernünftige Wesen in der Welt nimmt er eine Hanptstelle in der Schöpfung ein; der weise Regent steht dem Schang-ti znr Seite und unterstützt ihn bei der Wcltregieruug. Diese Religion kennt keine persönliche Offenbarung, sondern die Ordnung der Natur und der Hergang der Begebenheiten sind der Ausdruck eines Gesetzes, und nur durch außerordentliche Phänomene, wie Überschwemmungen, Dürre, Erdbeben, giebt der Himmel zn erkennen, daß die Harmonie zwischen den drei Grundwescn der Welt gestört ist. Der Mensch nnd namentlich der Kaiser muß dann durch Opfer den Himmel wieder versöhnen und die Ordnung wieder herzustellen suchen.
Im Anschluß nn diese religiösen Urelemente entwickelte sich ein ausgedehnter Geisterglaube; die ganze Natur erscheint dem Chinesen von Geistern belebt; man ruft sie an nnd opfert ihnen, so gut wie dem Himmel und der Erde. Anch der Mensch dauert nach dem Tode fort; die Geister der verstorbnen Eltern nehmen teil an den Geschicken der Nachkommen, und die Pietät gegen sie muß auch nach dem Tode durch Verehrung der Ahnen fortgesetzt werden. Über die Vorstellungen, die sich die alten Chinesen von dem Zustande und der Fortdauer nach dem Tode machten, finden sich mir wenig und noch dazu sehr unbestimmte Angaben. In den ältern Schriften wird der Aufenthaltsort der Abgeschiednen unter die Erde verlegt, und dies ist die vorherrschende Meinung geblieben. Die Annahme einer Seelenwandernng findet sich nirgends, ebenso wenig die einer Vergeltung, einer Belohnung oder Bestrafung nach dem. Tode.
Eigentümlich ist dieser Religion, daß sie keinen besondern Priesterstand hat nnd darum auch keine Dogmatik. Wir finden keine Theorie der Schöpfung, höchstens einige schwache Andeutungen über den Ursprung der Dinge bei den Philosophen, die aber der Volksreligion gänzlich fremd find. Es giebt keine Götterbilder und keine Mythologie. Beim Ahncnknltus stellt die einfache Tafel