Falsche Ideale und wahrer Idealismus
ie Aufgabe, jungen Leuten auf der höhcrn Schule die geistige Ausrüstung fürs Leben zu geben, ist heute schwieriger als früher, denn es handelt sich darum, die Fähigkeit für die volle praktische energische Thätigkeit znr Beherrschung der Welt mit der alten, lief gegründeten und vertiefenden Bildung zu vereinigen, die der Stolz unsers Bolks gewesen ist und bleiben soll. Die Zeit, wo Schiller sang:
Zwo gewaltge Nationen ringen Um der Welt alleinigen Besitz,
ohne auch nur daran zu denken, daß auch sein Volk an diesem Kampfe teilnehmen könne und müsse, die Zeit, wo es uns Deutschen ging wie dem Poeten, dem Zeus, nachdem die Welt vergebe» ist, tröstend zuruft:
Willst du in meinem Himmel mit mir leben, So oft du kommst, er soll dir offen sein,
diese Zeit ist auch für uns Teutsche vorüber. Auch wir sind, teilweise zögernd und widerwillig, wie es nun einmal in unsrer unglücklichen doktrinären Art liegt, in die Reihe der weltbeherrschenden Völker eingetreten, denn die Frage stand und steht noch so, ob wir im kommenden Jahrhundert überhaupt zu den wahrhaft großen, selbständigen Nulionen zählen, oder ob wir, auf Europa beschränkt, in die zweite Reihe zurücktreten sollen, ob unsre reiche Kultur ihren Rang im Kreise der Kulturvölker behaupten kann, oder ob sie zu einem bloszen Ferment der Weltkullur herabsinken soll. Hinter dieser Aufgabe, den Boden unsers Lebens zu verbreitern, hinter der Weltweite dieser Aussichten tritt jetzt alles andre zurück. So wird diesem Geschlechte die ungeheure Aufgabe zugemutet, sich aus einem Volke der Dichter, Denker und
Gr-nzboten IV 1899 84