Maßgebliches und Unmaßgebliches 547
auf demselben mindestens in doppelter Gestalt erscheinen, hier als einer der begeisterten Meister, die die lang verborgnen Schätze des Altertums ans dem grauen Steiusarg heben, dort als der Luther seiner Heimat, der das Evangelium wieder als schöpferische Lebeusmacht in die Kreise seines Volks tragend diesem mit Prophetenstimme zuruft: Wachet und betet!"
Maßgebliches und Unmaßgebliches
IZigvtv Ivvant-ido, eine Zcitschnurre. Wenn der Indianer oder der afrikanische Wilde seinen Feinden fürchterlich erscheinen null, so steckt er sich eine lange Feder ins Haar oder durch die Nase. Der europäische Kulturmensch, der seinen Mitmenschen groß und gewaltig vorkommen möchte, wichst sich seit etwa zehn Iahren seine Schnurrbartenden bis zu den Ohre» in die Höhe. Da dieses geschmackvolle Tvilettenkuuststück auch von hohen Personen angewandt wird, so steht nicht zu erwarten, daß es so bald verschwindet. Es wird also für künftige Kostüm- forscher zu deu Kennzeichen einer bestimmten Epoche gehören, weswegen es Wohl der Mühe wert ist, einen Augenblick über seine Ursprünge nachzudenken. Über seine neuerliche Herkunft ist nicht so leicht ins klare zn kommen, wie über sein erstes Erscheinen. Der hochgestrichne Schnurrbart, dizxvw Ivv-uitmlo, ist in Spanien erfunden, zu einer -Zeit, nls die spanische Macht in Europa schon gebrochen war, als aber ihre Ansprüche noch sehr hoch ginge», am Hofe Philipps IV. Der König war ein schlaffer nnd weichlicher, aber sehr hoffärtiger Herr. Ihm verdankt die Mode den vatcrmördcrartig nnfrecht stehenden spanischen Krage» (nustatt der bis dahi» gebräuchliche» radförmigeu Krause), und er selbst tr»g auch zuerst »nt den aufgerichteten Schuurrbart, sobald er uämlich eine» hatte, deuu er kam tV2I sehr jnng znr Negiernng. Vom spanischen Hofe ans verbreitete sich dieser Schnurrbart weiter, ihn trug Philipps Schwager, Karl I. von England, ebenso ei» Teil der österreichische» Habsburger, er kam nach Belgien, uud die spanische» Soldaten brachten ihn während des Dreißigjährigen Kriegs mit nach Deutschland; a»ch bei deu Schweden finden wir ihn, sowie in Frankreich uuter Lodwig XIII. Uuter Ludwig XIV. fällt dnuu der Bart, uud das Zeitalter des Rokoko leimt innerhalb der guten Gesellschaft nur glattrasierte Gesichter, bis die französische Revolution, zunächst allerdings bloß für das Militär, den Schnurrbart wieder aufbringt.
I» dem übrige» Europa steigt der Schuurrbart uur selte» so übertriebe» i» die Höhe, wie in seiner spanischen Heimat. Hier wnrde er mit Schnnrrbartbindeu und Futteralen gezüchtet, nnd wen» wir die Bilder vo» Velnzquez oder Murillo ansehe», so begreife» nur, daß ei» richtiger Vollblutspanier ohne solche Zwangs- mittel stm Schuurrbartideal gar nicht hätte verwirkliche» können. Au diesem Punkte sind wir heute wieder angelangt. Nur besteht ein Unterschied, uud nicht zum Borteil unsrer Zeit. In Spanien war der nnfgestrichne Schuurrbart, wie wir aus deu alte» Bildern scheu, eine Art Vorrecht des Kavaliers uud des Söldnteu, der einfache Bürgers,»»»» trug ihn im allgemeine» nicht. He»te schmückt er deu martialische» Leutnant nnd den friedfertigste» Seifensieder, und aus dieser Nivel- liernng ergebe» sich unsagbar komische Eindrücke. Aber mehr als das. Einst hörte ich eiue kluge Mutter ihrem zu ihr iu die Ferien zurückgekehrten Sohn sagen: „Du mußt nicht so viel mit deinem Bart aufstellen; die Lente meinen sonst, der