Häusliche Kunstpflege
ls man bei uns in den sechziger Jahren die Aufgabe des Knnst- gewerbes neu ins Auge faßte, wandte sich bekanntlich der Blick über die sogenannte Biedermeierzeit zurück den historischen Stilen zu, man sah ein, daß man seit dem Empire überhaupt keinen Stil mehr gehabt hatte, und mau probierte der Reihe nach durch, was von den Formen der Vergangenheit für die Gegenwart verwendbar schien. An praktischen Erfolgen brachte uns dieser Eklektizismus oder, wie man jetzt auch sagt, „die Stilhetze" eine große Zahl reich ausgestatteter Kunstgewerbemuseen, ein Handwerk, das sehr vielerlei für den verschiedensten Geschmack zu machen gelernt hatte, und ein Publikum, das sich mit der Art, wie hier für seine Ansprüche gesorgt wurde, recht zufrieden fühlte. Den schematische» Ausdruck dieser Stimmung giebt ein Buch von Jnkvb Falke wieder, das vier Auflagen erlebt hat, „Die Kunst im Hause." Es kann beinahe alles hergestellt werden, was nur jemals gemacht worden ist; es bedarf bloß des Bestellers und Käufers. Zu einem eignen Stil war man freilich nicht gekommen, man hatte ihn aber auch nicht gesucht. Hier setzte inzwischen, nach einem knappen Menschenalter eine Gegenrichtung ein, die bis jetzt mit jedem Jahre an Kraft gewonnen hat. Sie wandte sich gegen das Zierwerk der frühern Stile, weil man es nicht mehr verstehe, und gegen ihre Formen und Gebilde überhaupt, weil sie den Zwecken der Gegenstände und den Empfindungen der Menschen nicht mehr entspräche». Die einfache Form soll aus dem Material und der Bestimmung des Gegenstandes gesunde» werden, sie wird ohne ein ihr fremdes Ornament, eine gewisse Schönheit erreichen können, und sollte diese im Vergleich mit den historische» Stilsorme» anch etwas nüchtern ausfallen, so wäre das mit der übrige» Richtung unsrer Zeit im Einklänge. Daß mau aber z. B. im Mobiliar zunächst vom Empire ausgeht, hat insofern eine» Sin», als mit diesen« die wirkliche Stilbiiduiig einer Zeit abgebrochen worde» ist; unser nun zu Ende gehendes Jahrhundert zählt eigentlich nur als Gedankenstrich. Was ein gebildeter Mensch über die Absichten der neuen Nichtnng wissen müßte, ehe er das Recht hat, sie zu verurteilen, weil sie ihm nicht gefällt, hat kürzlich ein bekannter Künster, Paul Schulze-Nciumburg, klar, fein und zugleich unterhaltend auseinandergesetzt in einem kleinen Buche