Aus Muffrika
s ist nicht nur für den Litterarhistoriker von Interesse, wen» Land und Leute einer wenig bekannten Gegend in der Litteratur behandelt werden, sondern es ist auch kulturgeschichtlich wichtig, daß der Charakter einer volkspsychologisch merkwürdigen Landschaft nnd ihrer Bewohner im Bilde der Dichtung festgehalten wird. Denn oft ist ein solches Bild, harnionisch in sich abgerundet, klar, sprechend, packend und erschütternd, noch realer als das der häufig so leblosen wissenschaftlichen Forschung, von der man zuweilen sagen kann, sie gäbe dem Beschauer die einzelnen Teile in die Hand; fehlt, leider! nur das geistige Band.
Seitdem die Kruppschen Kanone» über die öden Hcideflächen des Ems- lmides domier», und die Dampfer cm den sandigen Ufern des breiter gemachten Kanals pfeifend vorbeizischen, hat der Name Muffrika manches von seiner uuliebeuswürdigcu Schärfe verlöre». Er war der Schrecken des ehemals königlich hannoverschen Beamte», wen» er gezwungen die Bekanntschaft mit der von seiner Regierung ausgezeichnet vernachlässigten Gegend machen mnßte. Natürlich wollen die Bewohner dieses vom Spott des Volksmunds mißhandelten Landstrichs durchaus keine „Mnffrikaner" sein, und kein Fremder wird „Muffrika" an Ort und Stelle je erfragen können. Allerlei Histörchen laufen darüber um. Aber der böse Name ist nun einmal da und verlangt Aufklärung. Man hat viel gestritten und das Nichtige immer übersehen. Die beste» Kenner emsländischer Altertümer begnügen sich mit der Auskunft, die in der bekannten Anekdote von der Belager»»g Rotterdams im Jahre 1665 gegeben wird. Es hätten, sagt man, die deutsche» Truppe» z»m Schutz gegeu die Winterkülte einmal Muffen getragen und feie» zur» Höh» deswegen von den Holländer» selbst Muffs, ihr Land Muffrika genannt worden. Eine offenbare Erfindimg der Volksetymologie! Den» wen» es kalt war, zogen selbstverständlich mich die Holländer ihre Pelzhandschnhe (Muffels, muMKrv, moullos) an. Sonstige weniger harmlose Erklärungen zu widerlegen, darauf wolle» wir verzichte» und sofort feststellen, daß sich noch heute Holländer und Emslünder gegenseitig inolk schelten, was, wie das mundartliche Muffer, nichts andres bedentet als einen verdrossenen, langsamen, mürrischen Menschen. Es giebt keine treffendere Charakteristik dieser Stämme als diese selbstgewählte. Sagt doch mich Goethe gern: ei» flämisch Gesicht machen, wenn er ein mürrisches, verdrossenes meint;