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Thüringer Märchen : 4. Elsbeth
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Thüringer Märchen

von I. H. köffler

Llsbeth

m Fuße eines Bergkegels, den derZiegenstein" krönt, eine stolze Grafenbnrg, liegt dcis DörfleinZiegenheim."

Da wohnte ein Muldenhaner, den sie den Langas nannten, d. h. den langen Erasmns. Er hatte nur ein einziges Kind, das hieß Elsbeth, war gerade siebzehn Jahre alt und ein gar liebliches Jung­fräulein. Das Haar war sv lang, daß es bis an die Kniekehlen reichte, und es glänzte wie goldner Sonnenschein. Und ihr blaues Auge war tiefer als der blaue Himmel im klaren See. Elsbeth war immer ein stilles Kind ge­wesen. Wcrs ordentlich ansah, dem kam es vor, als habe es absonderliche Ge­danken zu hüten vor der gemeinen Welt. Elsbeth konnte nicht lesen, und es gab auch noch nichts zu lesen für solche Leute. Was sie wissen mochte, das mußte sie sich erzählen lassen.

Aber ihre Mutter war ein trotziges Weib, das gar nicht gern erzählte, geru aber schalt, am liebsten auf ihre Nachbarin Kunnel. Denn sie hielt die Knunel für eine Hexe. Elsbeth aber hatte die Knnnel sehr lieb von Kindsbeinen auf uud ging oft iu der Dämmerstunde zu ihr und ließ sich von ihr erzählen von Riesen uud Zwerge», Feeu uud Schlangenkönigen, Rittern und Prinzessinnen. Und wenn dann die Kunnel ein Licht anzündete und wie von ungefähr einmal in das tiefe blaue Auge der Elsbeth blickte, uud der selige Glanz iu das kinderlose Herz der Alten siel, da streichelte sie die zarten Wangen des Mägdleins und sagte: Ja freilich, mein liebes Herzchen! So wars.

Wenn du mir die Lauferei zu der Hexe nicht läßt, passiert was. Paß auf! Dieses Drohwort hatte Elsbeth schon oft von ihrer Mutter zu hören bekommen. Und wenn das Kind nach solcher Drohung es über sich vermochte, das Haus der Kunnel einmal etliche Wochen zu meideu, so brach daun die Sehnsucht nach der Märchenwelt um so stärker aus, und das Leidwesen der Mutter begann von neuem.

Der Vater kam oft wochenlang nicht aus dem weiten Walde, wo er Mulden hieb, nach Hause. War er einmal etliche Tage daheim, so wollte ihm die Mutter das Behagen des Daheimseins cmch nicht verderben. So kam es, daß der Vater jahrelang nichts merkte von dem Kampf um die Seele des Kiudes zwischeu der Mutter und der Kuuuel.

Einmal, als sich bei hartem Wiuter der Vater längere Zeit zu Hause auf­hielt, war die Wut der Mutter so gestiegen, daß sie dem Vater gegenüber in die Anklage ausbrach, die Elsbeth lerne bei der Kunnel das Hexen. Da wurde das