(Line neue Theorie über den Ursprung der Musik
ie Frage nach dem Ursprung der Musik ist zwar mit der nach dem Ursprung der Sprache gleichaltrig, aber sie hat auch nicht annähernd zu gleich befriedigenden Ergebnissen geführt. Ihre Herder und Humboldt sollen erst noch kommen; bisher bestand der Ertrag zweitausendjähriger Betrachtung in einer Handvoll Allgemeinheiten und Vermutungen. Die meisten von ihnen gehn auf die Griechen zurück, spätere Zeiten haben nur wiederholt und variiert. Das ganze Mittelalter blieb unfruchtbar. Alle die zahlreichen Schriftsteller, die in Gerberts und Coussemakers Sammlungen vorliegen, beginnen mit einem Kapitel cls oiiginv und cls invslltoridus rausiogo, aber eignen Fleiß und eignen Scharfsinn sparen sie. An die Stelle Apollos und Merkurs tritt die göttliche Dreieinigkeit, scholastische Phantasien ersetzen die Beweise und halten sich weit über die Zeit der Alleinherrschaft geistlicher Kunst hinaus. Noch Andreas Werkmeister (Musicalische Paradoxal-Discurse. 1707) belegt den göttlichen Ursprung der Musik mit der Lehre von der sogenannten Proportion. Leibnitz war es, der endlich dadurch, daß er die medizinische Kraft der Musik, ihre Gewalt über Herz und Nerven betonte, auf eine nüchternere und ergiebigere Auffassung, auf das Verhältnis der Musik zur Natur hinwies. Caspar Printz (Historische Beschreibung der edlen Siug- und Klingkunst, 1690) nennt und untersucht darauf hin zum erstenmal zahlreichere „Anreizungen zur Musik," unter thuen die Gemütsbewegungen, auch den Müßiggang, den Ehrgeiz. Noch weiter, bis zu einem besouderu Kapitel über Musik und Medizin, bis zu einer Untersuchung der Ticr- musik geht auf Leibnitzens Spuren Bourdelot iu seiner Histoirs ü<z lg. üiuÄauö (1743). In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts sitzt aber die ganze Gilde, I. A. Scheibe ausgenommen, schon wieder auf einem toten Puukt fest: die meuschliche Musik wird vom Vogclgesaug abgeleitet. Dieses Muster, das schon Lucrez anführt, lag dem Zeitalter der Naturnachahmung nnd des Nationalismus durch die Virtuosität der italienischen Kastraten besonders nahe, auch Gottsched glaubt deshalb daran.") Aber die Verirrung wirkte so abstoßend, daß die neuern Musikhistoriker die Frage nach dem Ursprung der Mnstk am liebsten gar nicht mehr berühren.
*) Siehe Gottscheds Abhandlung: „über den Ursprung der Poesie und Musik" in L. Mitzlers Musikalischer Bibliothek, Erster Band, fünfter Teil.