Gin Tag bei Tolstoj
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Gewiß bauen der Geheimniskrämer und der Geheimmittelfabrikant häufig genug auf Sebastian Brants Weisheit, daß die Welt betrogen werden will. Steht ihr aber der Staat im Kampfe gegen die Kurpfuscherei bei, so wird der Geheimnisteufel zahm, und erst dann wird man seinen Spenden zugestehn können, daß sie ebenso wenig Betrug sind wie das harmlose Nichts, das zu verordnen sich selbst der zünftige Äskulapjünger gelegentlich gezwungen sieht, ut g.1iauiä Litt, damit der arzneiglänbige Kranke beruhigt werde und gesunde.
Gin Tag bei Tolstoj
Line Erinnerung
s war kurz nach dem Schluß des medizinischen Kongresses in Moskau. Mit rauschenden, großartigen Festen waren die arbeitsreichen und für die Wissenschaft wichtigen Tage beendigt, und nach allen Himmelsrichtungen stoben die mehr oder weniger berühmten Teilnehmer auseinander. Mit vier Männern hatte ich besondre Freundschaft geschlossen. Der eine reiste nach Finnland, der zweite über den Kaukasus, der dritte hinter Konstantinopel. Der vierte aber forderte mich auf, mit ihm den Grafen Tolstoj aufzusuchen, mit dem gemeinsam er einen Freund betrauerte, über den er dem Grafen manches mitzuteilen hatte. Ich gestehe, daß ich dieser Aufforderung nicht ungern nachkam, und wir traten die Reise nach Jasnaja Polcmia an.
Dieser Ort liegt im Gouvernement Tula, zwei Werst südlich von Moskau und ist nicht weit von der großen Eisenbahnlinie entfernt, die die einstige Zarenstadt mit Sebastopol verbindet. Der Schnellzug braucht fünf Stunden, um die Strecke von Moskau bis Tula zurückzulegen. Die Landschaft ist weniger einförmig als in den südlichen Gegenden; die ungeheuern Getreidefelder wechseln wiederholt angenehm mit schönen Wäldern oder bläulichen sich am Horizont abhebenden Hügeln.
In unserm Wagen mischte sich noch ein russischer Arzt in die Unterhaltung, der noch ganz von den französisch-russischen Verbrüderungsfesten in Petersburg begeistert war.
Sie finden unzweifelhaft, daß Rußland ein sehr barbarisches Land ist? Diese von ihm gestellte Frage habe ich mindestens ein dutzendmal in Rußland gehört. Es scheint, als wenn die dortigen Bewohner einigermaßen besorgt um den Eindruck wären, den ihr Land auf die verhältnismäßig wenigen dort reisenden Leute macht.
Wir konnten nicht umhin, uns etwas über die fast unglaublich strenge Art lustig zu machen, mit der die hohe russische Polizeiverwaltung jeden Fremden bewacht und beobachtet. So schlimm sind wir in Deutschland denn doch nicht daran, fügte ich hinzu.
Grenzboten III 1899 77