Beitrag 
Okkultismus und Buddhismus
Seite
537
Einzelbild herunterladen
 

Okkultismus und Buddhismus

ie Ansichten über den Sinn und den Zweck des Christentums mögen tausendfach auseinander gehn, über eins aber besteht kein Zweifel, daß es das Erdenleben als Vorbereitung auf ein jenseitiges Leben aufgefaßt wissen will. Wenn Paulus, der große Gemeinde­gründer, den nicht wenige für den eigentlichen Stifter der Kirche halten, nicht wüßte, was das Christentum zu bedeuten hat, wer sollte es da wohl wissen? Paulus aber sagt den Korinthern, daß, wenn es keine Auferstehung der Toten gäbe, seine Predigt vergeblich sein würde, und die Christen die elendesten aller Menschen wären. Nun ist es aber schwierig, an ein Jenseits zu glauben, wenn von drüben kein Lebenszeichen herüberdringt. Paulus hat daran geglaubt, weil ihm der auferstandne Christus erschienen ist, die ersten Christen haben mit Engeln und mit den Seelen der Verstorbnen wie mit guten Freunden verkehrt, und in der Kirche ist dieser Verkehr mit Christus, mit den Heiligen im Himmel und mit den Seelen der noch Unerlösten, auch mit Teufeln, durch die Jahrhunderte fortgegangen, bei den Katholiken bis auf den heutigen Tag. Der Protestantismus hat in der Aufklärungszeit die Brücke ins Jenseits abgebrochen. Seine hervorragendsten Vertreter haben erklärt, daß wir uns an dem Buchstaben der Schrift und an dem Zeugniffe unsrer Vernunft genügen lassen müssen, daß über die Sinnenwelt hinaus keine Erfahrung reicht, daß die vermeintlichen Erfahrungen der Visionäre leere Einbildungen und Sinnes­täuschungen sind, und daß wir aus Gründen der praktischen Vernunft zwar ans Jenseits zu glauben, sinnfällige Beweise seiner Wirklichkeit aber nicht zu verlangen haben; glaube ich an ein Gespenst, schreibt Kant, so muß ich an alle Gespenster glauben; und da wir nun den durch die Kausalität gesetzlich geordneten Lauf der Natur nicht durch Gespensterspuk in Verwirrung bringen lassen dürfen, so dürfen wir uns also in keinem einzigen Falle auf ein Zuge­ständnis an die Mystiker einlassen. Aber die Zahl der nüchternen und zugleich starken Geister, die den Unsterblichkeitsglauben ohne sinnfällige Beweise festzu­halten vermögen, ist nicht groß. Die Masse der heutigen Kulturmenschen be­schränkt sich deshalb mit ihrem Denken, Dichten und Trachten aufs Diesseits, entweder bloß praktisch oder auch theoretisch, durch das ausdrückliche Bekenntnis zum Materialismus und Atheismus; solche aber, die eines Jenseits bedürfen,

Grenzbotm III 1899 68