232
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Ach was, erwiderte Tante Toni, die wohlbeleibte und resolnte Schwester des Oberpredigers, wer will ihm denn was thun? Und wenn ich dabei bin, Klara, brauchst du gar nichts zu besorgeu, ich sehe zum Rechten, darauf kannst du dich verlassen.
Also der Herr Oberprediger trat in Aktion, versammelte seine bühueukundigen Jünglinge und Jungfrauen und verstärkte seine Gesellschaft durch einige würdige Meister und Bürger, die die Ratsherren darstellen sollten, besonders durch Meister Krickel, der die Rolle des Königs Wenzel „kreieren" und außerdem das gesamte Garderobefach übernehmen sollte, sowie durch Herru Rentier Schlacke, der ein unübertrefflicher Souffleur war, verteilte die Rollen und begann die Proben, für die Beteiligten das schönste von der ganzen Geschichte.
Während dessen machte sich Meister Giesecke an die Dekorationen. Zu den Kulissen des ersten und zweiten Aktes konnten die Zimmerdekorativnen genommen werden, vor denen alle Vühnenverlobnngen der letzten zehn Jahre stattgefunden hatten; aber für den dritten Akt mußte eine neue Dekoration, das Stadtthor von Schmalzleben darstellend, noch dazu mit beweglichem Thor, angefertigt werden. Meister Giesecke erwog die Sache reiflich und machte sieben Entwürfe, die er jedermann zeigte. Darauf zog er in Nachbar Rübesams Schenne, hängte daselbst seine Leinwand auf uud begann mit der Arbeit. Leider schritt diese nur laugsam fort, da Meister Giesecke viel Besuch erhielt, und da er jedem Besucher von neuem seine künstlerischen Absichten auseinandersetzen und immer wieder sein Werk vom perspektivische» Hauptpunkte aus durch die hohle Haud und mit geneigtem Kopfe betrachten mußte.
(Schluß folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Die deutsche Seemacht vor fünfzig Jahren. Im Mai 1849 erschien aus der Feder des bekannten Marineschriftstellers I. von Wickede in der „Deutscheu Vierteljnhrsschrift" ein Aufsatz über „Die deutsche Kriegsflotte iu ihrer Gegenwart und Zukunft," worin die ganze Misere und Ohnmacht der deutschen Nation zu jeuer Zeit um so deutlicher zum Ausdruck kommt, je begeisterter und hoffnungsreicher der Verfasser für die damaligen Flvttenplane eintritt. Es ist nötig, die deutschen Jingopolitiker des Im cle> sivels, die noch vor kurzem iu der Samoa- angelegenheit Kaiser und Reich der Lässigkeit und der Rückständigst in der Machtentfaltnng zur See ziehe», mit Vorwürfen überhänften nnd ohne Sinn für die Geschichte Deutschlands und ohne jede Kenntnis und Pietät für das, was ohne sie errnngen ist, die Wahrung der nationalen Ehre und Macht als Monopol für sich iu Beschlag nehmen möchten, ab und zu einmal an das, was war, zu erinnern.
Wickede hatte schon im Jahre 1844 in derselben Wochenschrift, angeregt durch das Gedeihen des Zollvereins, die Einführung einer gemeinsamen Nationalflagge für die Handelsflotte eifrig befürwortet und ebenso im Juni 1848 für die Schaffung einer deutschen Kriegsflotte die Trommel gerührt. „Was wollen wir machen,