Der Großvater
Familienerinnerungeii ans der Zeit vor und während der Märzrevolution
enn es regnete und wir Buben uns nicht im Garten tummeln konnten, gingen wir gern im Hause auf Entdecknugcu aus. Mit besoudrer Vorliebe giugs ins Schlafzimmer. In der Ecke hinter dem Bett meines Vaters standen ein Degen und ein Säbel. Der Säbel stammte aus dem Siebenjährigen Kriege; es war ein großer Neiterpallasch in einer schweren Scheide, der für uns kleine Buben kaum zu heben war. Wenn wir uns genug abgemüht hatten, den schweren Säbel aus der Scheide zn ziehen, gings an den zierlichen Degen, der den Dreißigjährigen Krieg mitgemacht haben sollte. Er hatte einen höchst unbequemen Griff in Kreuzform mit eingelegter Arbeit. Oben drauf war ein Knauf, der sich abschrauben ließ. Wir unterließen es natürlich niemals zu untersuchen, ob die Schraube noch gut imstande sei. Die Klinge war fein ziseliert und sehr biegsam. Ich hatte einmal Damaszener Klingen rühmen hören. Seitdem glaubte ich, daß unser Degen Damaszener Arbeit sein müsse. Er war für uns der Inbegriff des Schönen. Waren wir unbeobachtet, so fochten wir gern mit dem leichteu Degen ein wenig herum: gegeu die Bettgardinen, gegeu eingebildete Feinde, gegen die Brüder, die als Indianer auf dem Kriegspfade unter den Betten umherkrochen. Kam freilich die Mutter zu diesen Übungen, so gabs zuerst großes Entsetzen, dann gewaltige Vermahnnng. Wir könnten uns ja mit dem Degeu die Augeu ausstechen, uns soustwie verwunden nnd die Gardinen beschädigen. Das Ansstechen der Augen wäre immerhin möglich gewesen. Andre Verwundungen gehörten wohl in das Reich der Unmöglichkeit, so stumpf war die Klinge.
Beim Vater standen Säbel und Degen zn unserm Leidwesen völlig unbenutzt. Er hatte gar keine Neigung znm Waffeuhaudwerk, war auch durch uusre Bitten nicht dazu zu vermögen, sich einen Revolver zuzulegen. Bei ihm fand unsre romantische Kriegslust wenig Verständnis. Der Großvater dagegen, von dem der Vater die Waffen geerbt hatte, war in unsrer Phantasie ein äußerst streitbarer Mauu gewesen. Er hatte im Ernst diese Wciffeu mit sich geführt, und das war genng, ihn mit dem Nimbus eines Helden zu umgeben. Die Waffen wurden uns durch solche historischeu Eriuueruugen uoch lieber. Sie wäre» die greifbarsten Erinnerungen nn den alten Herrn, der im runden schwarzen Rahmen steif und würdig in der väterlichen Studierstnbe hing.
Ja, der Großvater, das war unser Mnun! Keiner von uns Bubeu hatte ihn freilich gekannt. Er war schon lange tot. Aber der Vater, der viel ans Familientraditionen gab, erzählte uns abends vor dem Schlafengehen öfters von ihm. Besonders lieb waren uns die Geschichten von gefahrvollen, einsamen Amtsfahrten, die der Großvater unternommen hatte, und bei denen der alte Säbel sein ständiger Grenzboten III 1899 23