Die Interessengemeinschaft zwischen Agnnier» und Arbeitern glg
gefallen uns nicht. In der Vertretung von andern Interessen, die denen des Händlertnms in mancher Hinsicht geradezu entgegengesetzt waren, sah sie ein moralisch minderwertiges Verhalten, eine schmachvolle »Jntcressenpolitik« gegenüber der allein vom »Gemeinwohl« diktirten Politik der Händler. Und als dann durch eine Koalition von Industrie und Landwirtschaft der Zolltarif von 1879 zn stände kam, da konnte sich der Händlerpatriot nicht genug darüber entrüsten, daß die »Sonderinteressen« von etwa vierundvierzig Millionen Volksgenossen in schändlicher Weise gesiegt hatten gegen die »allgemeinen Interessen« der etwa sechs Millionen Händler und solcher Leute, die zufällig iu dieser Hinsicht parallele Interessen hatten." Das Bild, das dieser Spiegel zurückwirft, ist scharf und getreu und hat doch die Häßlichkeit des Zerrbildes, aber ist das die Schuld des Spiegels und dessen, der ihn vorhält? Ist es nicht vielmehr ein Verdienst? So sei denn auch noch ein besonders kräftiger Trumpf, den der Verfasser an dieser Stelle seiner Schrift aufsetzt, wörtlich mitgeteilt: „Das — die Manipulationen nämlich in Handel und Wandel — liegt nun einmal in unsern Einrichtungen, und deshalb darf man den Händlern einen moralischen Vorwurf daraus nicht machen. Wohl aber kann man ihnen, wenn sie in dem »Brustton der Überzeugung« von »allgemeinen Interessen« zu reden anfangen, in aller Gemütsruhe antworten: Ihr könnt uns allenfalls Margarine als Butter aufhängen nnd Ziegelmehl als Zimt, aber nicht euer Profitinteresse als »Gemeinwohl.« Darüber haben wir unser eignes Urteil." Daber ist er dem Handel und dem Kapital keineswegs feindlich gesinnt. Wenn er sie in die durch das Gedeihen der andern Zweige der Volkswirtschaft geforderten Schranken zurückweist, so will er dafür sie. und nicht weniger die Exportindustrie, i» dem ihnen zustehenden Gebiete geschützt und gefördert wissen. Er verlangt deshalb und wegen der Weltmachtstelluug Deutschlands, daß eine Flotte ersten Ranges geschaffen werde: „Das kommende Jahrhundert bringt die endgiltige Verteilung der Erde; wir dürfen dabei nicht leer ausgehen, weil unser Heimatland nur noch wenige Jahrzehute für unser Volk genügt, wir werden aber leer ausgehen, wenn wir nicht England gewachsen, ja überlegen sind." Und dabei wurde auch das Kapital wohl fahren, das bei dem jetzigen Zustande »schließlich mit dem Gelde doch nichts andres anzufangen weiß, als es in portugiesische, griechische oder südamerikanische Brunnen zu werfen." Den industriellen Unternehmern insbesondre will er zwar einesteils zu Gunsten der Arbeiter von Staats wegen Opfer auferlegen, aber auch nötigenfalls direkte Staatsunterstützungen zuwenden.
Diese Ausführungen geben nur einen Teil des Gedankenreichtums wieder, der die Ottosche Schrift auszeichnet. Dieser Reichtnm ist sehr groß, und wir kennen keine moderne Schrift, die in diesem Betracht auf gleichem Raume mehr böte, aber der Leser wird durch den Reichtum nicht zerstreut oder von dem Wege, auf dem ihn der Verfasser führen will, abgelenkt. Denn der Verfasser