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Tastbare Malerei
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Tastbare Malerei

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rüher nannte man Sehen und Hören die vorzugsweise ästhe­tischen Sinne, und das Berühren der Gegenstände pflegt in unsern Kunstsammlungen ausdrücklich verboten zu werden. Die moderne Ästhetik hat jedoch in ihre Terminologie schon lange nicht nur das Schmecken aufgenommen, sondern auch das Riechen. Wir werden uns nicht wundern, daß nun auch mit dem Tasten der letzte Sinn an die Reihe kommt. Wie man Farben hört am Klang der Worte, wie man Symphonien trinkt, Erinnerungen riecht, so kann man auch gemalte Gegen­stände betasten, ohne doch gegen das Mnseumsverbot zu verstoßen.

Der englische Kunstschriftsteller Bernhard Berenson hat vor einigen Jahren in einer lebendig geschriebnen Studie den Entwicklungsgang des Malers Lorenzo Lotto ganz neu gezeichnet und darin nicht nur eine Anzahl einzelner Wahrnehmungen als Thatsachen zu erweisen gesucht, sondern auch allgemeinere ästhetische Sätze aufgestellt über die oberitalienische und die venezianische Malerei, die in ihrer etwas ungewöhnlichen Formulirung jedenfalls anregend wirken können. Das Bestreben nach scharfer Erfassung führte ihn zu allerlei Seltsamkeiten in der sachlichen Behandlung sowohl wie im Ausdruck, so wenn er z. B. Lorenzo Lotto einenExpressivisten" nannte, weil er deutlicher charcckterisire als z. B. Correggio. Die Sache ist richtig und war schon vor ihm hervorgehoben worden; den neuen Kunstausdruck Hütten wir entbehren können. Neuerdings hat Berenson die florentinischen Maler der Re­naissance behandelt in einem ähnlichen Essay, der jetzt in einer Übersetzung von Otto Dammaun vorliegt (Oppeln nnd' Leipzig, Georg Maske). Das Buch ist von unsern Knnstbeflissenen sehr gepriesen worden. Worin liegt seine Bedeutung? Berenson stellt die florentinischen Figurenmaler von Giotto bis Michelangelo als eine zusammenhängende Reihe vor uns hin und bringt die Merkmale ihrer Kunst unter wenige allgemeine Sätze; wie sich die einzelnen Maler zu diesen verhalten, darnach schätzt er ihre Größe. Der Maler bringt auf der Fläche die körperliche Erscheinung hervor, seine Figuren treten heraus, runden sich, lösen sich vom Grunde ab, man meint, hinter sie treten, um sie herum­gehen zu können, sie sind zum Greifen! So sind die Figuren der Florentiner, die Masaccios mehr als die Giottos, noch mehr wieder die Michelangelos; wenn die frühere, mittelalterliche Malerei Umrisse und Flüchen giebt, so haben